Deutscher Gewerkschaftsbund

Passt auf euch auf! Übergriffe auf Beschäftigte

01.11.2018
Übergriffe auf Beschäftigte

Nach Attacke eines Patienten: „Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht“

Anonym

Anonym DGB HH

In einem Krankenhaus wird ein minderjähriger Patient gegenüber einer Betreuerin gewalttätig. Sie wird dabei schwer verletzt und erleidet einen Knochenbruch im Bereich des Oberkörpers. Als sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt, muss sie feststellen, dass bisher keiner ihrer Vorgesetzten die Situation mit dem Patienten und seinen Eltern zufriedenstellend geklärt hat.

Stattdessen ordnet die oberärztliche Leitung der Station an, dass die Kollegin von nun an nur noch stationsferne Aufgaben übernehmen soll. Dem immer noch auf der Station untergebrachten Patienten und seinen Eltern soll sie möglichst aus dem Weg gehen.

Für die Kollegin ist diese Situation mit einer immensen Einschränkung ihres Bewegungsradius und der Möglichkeit ihre Arbeit auszuführen, verbunden. Ab jetzt muss sie, bevor sie auf die Station geht dort anrufen, um zu erfahren wo der Patient sich gerade aufhält.

Patient und Eltern verweigern Klärung

Um diese belastenden Situation aufzulösen, bitte die Kollegin ihre Vorgesetzte, die pädagogische Leitung der Station, um ein Klärungsgespräch. Doch die oberärztliche Leitung streitet ab, eine solche Anordnung gegeben zu haben – und die die pädagogische Leitung glaubt ihr. Ihrer eigenen, langjährigen Mitarbeiterin glaubt sie jedoch nicht.

Währenddessen verweigern Patient und Eltern jegliche Klärung oder Entschuldigung bei der Geschädigten. Für die Kollegin bedeutet dieser Vertrauensbruch ihrer Vorgesetzten einen tiefen Einschnitt. Denn gerade in einer Situation, in der sie auf die Unterstützung ihrer Vorgesetzten angewiesen ist, fühlt sie sich von diesen im Stich gelassen.

Traumatisierung durch das Erlebte und die fehlende Unterstützung sitzt tief

Eine Entschuldigung hat die Kollegin, nennen wir sie Susanne, bis heute nicht bekommen. Susanne hat eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht und sich dann über Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen für die Arbeit im Krankenhaus weitergebildet. Vor dem Vorfall hatte sie in ihrem damaligen Beruf 15 Jahre lang gearbeitet. Heute kann sie diesen Beruf nicht mehr ausüben.

Denn die Geschichte von Susanne geht weiter. Nachdem sie wieder auf Station ist, wird sie erneut Zeugin einer eskalierenden Situation. Dabei muss sie feststellen, dass ihr die gewohnte Handlungssicherheit fehlt. Sie, die erfahrene Betreuerin, versteinert innerlich – fühlt sich der Situation nicht gewachsen. Bis heute geht es ihr so, wenn sie den Notfallpieper hört, den alle Betreuer/ -innen auf der Station tragen. Susanne bittet ihren Arbeitgeber daraufhin um eine Supervision, die ihr auch gewährt wird. Schnell wird dabei klar, dass die Traumatisierung durch das Erlebte und die fehlende Unterstützung von Seiten der Vorgesetzten zu tief sitzt.

Sie entscheidet sich, eine Trauma-Therapie zu machen. Während dieser beschließt sie, sich ein weiteres Mal fortzubilden. Heute arbeitet sie zwar immer noch auf der Station, allerdings in einem Bereich, in dem sie mit Patienten nur noch sehr wenig zu tun hat. Für Susanne ist das ein „ganz gut aushaltbarer Kompromiss“.

Massiver Vertrauensverlust zu den Vorgesetzten

Was bleibt sind latente Ängste, auch wenn sie privat unterwegs ist. Und das Gefühl, dass ihre Vorgesetzten sie im Stich gelassen haben, als sie ihre Unterstützung und vor allem ihr Vertrauen am dringendsten benötigt hat.

Für Susanne ist klar: „In so einer Situation müssen sich die Vorgesetzten hinter ihre Mitarbeiter stellen, sie dabei unterstützen das Erlebte zu verarbeiten und ihnen eine Rückkehr in ihren Beruf ermöglichen. Dazu ist es zuerst einmal wichtig, dass den Betroffenen glaubhaft vermittelt wird, dass ihre Bedürfnisse gehört und beachtet werden. In der Trauma-Pädagogik gibt es den Grundsatz, dass Opfer und Täter getrennt werden müssen. Bei Patienten wird dies auch angewendet – ist aber ein Mitarbeiter das Opfer, scheint dies nicht zu gelten. In meinem Fall hätte ich mir gewünscht, dass der Patient auf eine andere Station verlegt worden wäre. Dies hätte es mir ermöglicht meine Arbeit weiter auszuüben und zu meiner gewohnten Handlungssicherheit zurück zu finden. Stattdessen haben meine Vorgesetzten mir an entscheidenden Stellen nicht geglaubt, was zu einem massiven Vertrauensverlust geführt hat.“

Weitere wichtige Maßnahmen wären zum Beispiel, dass Nachbesprechungen mit den Täter/ -innen und deren Familien zum Standard werden, so Susanne. Außerdem bräuchte es auch einen Kollegen oder eine Kollegin, die in solchen Fällen die Betroffenen begleitet und ihnen beim Ausfüllen der Formulare und Anträge hilft, sowie über mögliche Hilfsmaßnahmen informieren kann. „So eine Situation zu verarbeiten ist schwer genug. Da fehlt oft die Kraft, sich auch noch mit den Formalien zu beschäftigen.“, so Susanne. „Grundsätzlich sollte gelten: Wenn Mitarbeiter Übergriffe erleben ist das Chefsache. Und entsprechend sollte dieser sich dann auch für seine Mitarbeiter einsetzen. Davon sind wir in der Praxis aber leider oft noch weit entfernt.“


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