Deutscher Gewerkschaftsbund

Passt auf euch auf! Übergriffe auf Beschäftigte

19.09.2018
Interview mit Prof. Wilhelm Heitmeyer, Konfliktforscher

„Wahrgenommene Aggression und Gewalt ernst nehmen“

Prof. Wilhelm Heitmeyer

Prof. Wilhelm Heitmeyer DGB HH

Der gesellschaftliche Ton ist rauer geworden. Immer öfter berichten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über eine Zunahme von Übergriffen am Arbeitsplatz. Die Spannweite reicht dabei von verbalen Beleidigungen und Drohungen bis zu körperlicher Gewalt. Die Täter/ -innen scheinen keiner bestimmten Gruppe zuordenbar zu sein. Doch wie lässt sich diese gesellschaftliche Tendenz erklären? Wir haben  Professor Dr. Heitmeyer, Gründer des Institutes für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, einige Fragen zu diesem Thema gestellt.

DGB Hamburg: Herr Dr. Heitmeyer, Kollegen und Kolleginnen berichten immer wieder von einer Zunahme der Übergriffe durch Kunden. Wie lässt sich dies aus soziologischer Perspektive erklären?

Prof. Dr. Heitmeyer: Aus wissenschaftlicher Sicht muss man zunächst darauf hinweisen, dass die Annahme einer Zunahme von Aggression und Gewalt gegen Beschäftigte in Institutionen (wie Lehrer und Lehrerinnen) und öffentlichen Räumen (wie Polizei oder Rettungskräften) bisher auf unsicheren Daten basiert. Gleichwohl sind die von den Betroffenen wahrgenommenen Aggressionen und Gewalt sehr ernst zu nehmen, weil sich darin gesellschaftlichen Veränderungen dokumentieren. Das beginnt beim aggressiven Sprachverhalten über Bedrohungsankündigungen bis hin zur tatsächlichen physischen Gewalt.

Gewalt ist dabei immer der Versuch einer Machtdemonstration, also zum Beispiel gegenüber Lehrern oder Lehrerinnen oder gegenüber Polizisten oder Polizistinnen. Häufig werden sie als Repräsentanten eines verhassten Staates gesehen – und das sogar bei Rettungskräften, weil sie über Uniformen quasi "markiert" sind.

DGB Hamburg: Auch wenn es noch zu wenig gesicherte Daten gibt, scheint sich, zum Beispiel mit Blick auf die Polizeistatistik 2017,  eine Tendenz abzuzeichnen. Wie kommt es dazu? 

Prof. Dr. Heitmeyer: Dazu muss man gesellschaftliche Veränderungen heranziehen. Seit 2000 leben wir in entsicherten Jahrzehnten. Auf der einen Seiten hat es mehrere tiefgreifende Krisen gegeben, in denen auch individuelle, soziale und politische Kontrollverluste aufgetreten sind. Auf der anderen Seite hat sich ein autoritärer Kapitalismus durchgesetzt, der soziale Ohnmachtsgefühle und Desintegrationsängste erzeugt hat. Es gilt nur noch der, der sich durchsetzt, also der Stärkere. Und dann ist die Frage, in welchen Bereichen und auf welche Weise man man die eigene Ohnmacht in Machtdemonstrationen umwandeln kann – und wie man dabei von anderen als "stark" wahrgenommen werden kann.

DGB Hamburg: Und wie lässt sich das auf die konkreten Erfahrungen der Kollegen und Kolleginnen vor Ort übertragen?

Prof Dr. Heitmeyer: Die Erklärungen sind unterschiedlich in den verschiedenen Bereichen. Die Schule verteilt Lebenschancen, das Jobcenter die materielle Versorgung, die Polizei muss als kontrollierende Feindbilder herhalten, die Notaufnahmestationen in Krankenhäuser werden als Ausdruck benachteiligender Versorgung im Vergleich zu anderen wahrgenommen etc.

Hinter allen verschiedenen Facetten lagert aus meiner Sicht der rapide und schnelle soziale Wandel im Zuge der Globalisierung, einschließlich von Migration, der zu Erosionen von Normen führt. Also davon welche Regeln und Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft gelten – und wie diese durchgesetzt werden oder auch nicht.

Bei der Gewalt gegen Beschäftigte in Institutionen oder im öffentlichen Raum geht es dann um eine Art von Selbstermächtigung, die Asozialität als Normalisierung betreibt. Die (a)sozialen Netzwerke gehören mit ihren homogenen Gruppen in je eigenen abgedichteten Echokammern zu den Treibern dieser Entwicklung. Dort wird dann die Anerkennung für Attacken unter ihresgleichen quasi "eingesammelt" und durch die eigene Bezugsgruppe verstärkt. Bis zur nächsten Gelegenheit.

DGB Hamburg: Danke für das Gespräch.

 

Das Interview führte Savannah Guttmann


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