Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 11/2017 - 20.06.2017

Maßnahmen gegen atypische Beschäftigung sind dringend nötig

Hamburgs Arbeitsmarkt ist keineswegs so gesund, wie er auf den ersten Blick aussieht. Das ist das Fazit, dass Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger und Roland Kohsiek, Arbeitsmarktexperte bei ver.di Hamburg, in einem Pressegespräch Mitte Juni gezogen haben.

„Deutlich mehr als ein Drittel der Beschäftigten sind Leiharbeiter, haben nur Teilzeit- oder befristete Verträge. Da ist oftmals das Geld knapp und die Zukunft unsicher. Solche Beschäftigung widerspricht dem Leitbild von „Guter Arbeit“, verstellt Entwicklungsperspektiven von Beschäftigten und verstärkt nachweislich den Trend zu psychischen Erkrankungen sowie deren Folgewirkungen. Hier brauchen wir mehr politische Anstrengungen, um gegenzusteuern“, so Karger.

Kohsiek: „Die bundesweit gute Konjunktur sorgt für mehr Jobs. Aber sie schlägt nicht so auf dem Arbeitsmarkt durch, wie wir es uns wünschen. Sie führt zunächst vor allem zu mehr atypischen Arbeitsverhältnissen. Klar wird das bei den insgesamt geleisteten Arbeitsstunden, dem Arbeitsvolumen. Da haben wir in Deutschland gerademal das Niveau von Anfang der Neunziger Jahre erreicht.“

Stichpunkte zur Bewertung des Hamburger Arbeitsmarktes:

Grundlage: In Hamburg zählte die Agentur für Arbeit im Mai diesen Jahres 69.712 Arbeitslose. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigte lag im September 2016 bei 947.214.

Unterbeschäftigung: Hier werden Arbeitslose mitgezählt, die bei der offiziellen Arbeitslosenzahl herausgerechnet werden. Zum Beispiel Menschen die in arbeitsmarktpolitischen Fördermaßnahmen stecken oder krank geschrieben sind. Im Mai 2017 lag die Zahl der Unterbeschäftigten in Hamburg bei 98.199. Die Unterbeschäftigung ist vor allem durch den andauernden Druck der Gewerkschaften in die Arbeitsmarkt-Statistik aufgenommen worden.

Langzeitarbeitslose: In Hamburg liegt die Zahl aktuell bei 21.588. Das ist fast ein Drittel der Gesamtarbeits-losen. Auch wenn die Zahl in den vergangenen Jahren leicht gesunken ist, bleibt ein Sockel von verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit.

Geringfügig Beschäftigte: In Hamburg hatten 2016 174.175 Menschen einen Minijob. Ein rasanter Anstieg in den vergangenen 15 Jahren (2003: 119.625). Auf die Hamburger Bezirke verteilt ergibt das allein rechnerisch 24.882 pro Bezirk. 106.889 davon sind ausschließlich geringfügig beschäftigt.

Befristungen: 9,7 Prozent der Arbeitsverhältnisse waren im Jahr 2015 in Hamburg befristet. Mehr als jede zweite Neueinstellung war 2015 in Hamburg befristet (52 Prozent). Speziell Jüngere bekommen nur Verträge auf Zeit: Bei den 20 bis 25 Jährigen sind es bundesweit mehr als ein Viertel.

Teilzeitbeschäftigung (ohne Leiharbeit): Im Jahr 2016 gab es in Hamburg 244.878 Teilzeitbeschäftigte. Das ist über jeder vierte Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte.

Leiharbeit: 29.904 Menschen waren 2016 in Hamburg als Leiharbeiter beschäftigt. Die Zahl hat sich gegen-über 2003 mehr als verdoppelt (damals: 12.551).

 

Fazit: Fasst man die Gesamtdaten zusammen, ergibt sich nach DGB-Berechnungen für Hamburg ein ungefährer Wert von 1,1 Millionen Arbeitsverhältnissen (sozialversicherungspflichtig- plus geringfügige Beschäftigte). Davon waren 381.671 Menschen als Leiharbeiter, Teilzeitbeschäftigte oder Minijobber beschäftigt. Also über ein Drittel. Bei den Frauen ist es sogar über die Hälfte. Ein weiterer alarmierender Aspekt: Über 100.000 Beschäftigte haben in Hamburg nur ein befristetes Arbeitsverhältnis. 

Forderungen des DGB:

•          Grundlegende Reform der Minijobs. Sie müssen ab dem ersten Euro sozialversichert sein und die pauschale Besteuerung muss abgeschafft werden

•          Streichung der sachgrundlosen Befristung von Arbeitsverträgen. Auch Befristungen mit Sachgrund müssen eingedämmt werden (keine „Kettenbefristungen“)

•          Teilzeit muss eine freie Wahlmöglichkeit sein mit einem gesetzlichen Rückkehrrecht auf Vollzeit

•          Einschränkung der Bevorzugung der Zeitarbeit - Wiedereinführung des Synchronisationsverbots

•          Agentur für Arbeit darf nicht mehr bevorzugt in Zeitarbeit vermitteln

•          Besondere Unterstützung und Förderung für Langzeitarbeitslose – auch über längere Zeiträume

Karger: „Die großen Arbeitsmarktimpulse müssen aus dem Bund kommen. Daran messen wir auch die Parteien im Wahlkampf und die zukünftige Bundesregierung. Aber auch die Stadt Hamburg kann etwas tun. Das Arbeitsmarktpolitische Programm der Koalition, der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter ist zwar ambitioniert. Aber mir fehlen die zielgenauen Maßnahmen, um Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Hier brauchen wir mehr Weiterbildung und zielgenaue Förderketten mit öffentlich geförderter Beschäftigung. Als Maßnahme gegen die horrende Zahl von Minijobs könnte die Stadt mit gutem Beispiel voran gehen und keine Aufträge mehr an Firmen vergeben, die einen zu hohen Anteil von geringfügig Beschäftigten haben. Zudem fordern wir mehr Beratungsangebote für Minijobber.“


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