Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 11.11.2010

Günter Wallraff zu Gast beim DGB in Hamburg

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Er zog sich in einer Großbäckerei Verbrennungen zu und betrog Kleinunternehmer im Auftrag eines Callcenters: Im völlig ausverkauften Polittbüro am Steindamm hat Günter Wallraff auf Einladung des DGB Hamburg vergangenen Mittwoch von seinen Undercover-Recherchen für sein Buch "Aus der schönen neuen Welt" berichtet.
"Menschenrechtsverletzungen im Betrieb" hat er erlebt und im Callcenter mitbekommen, "wie aus Menschen Betrüger gemacht werden." Die Geschichten aus der schönen neuen Arbeitswelt, die Günter Wallraff erzählt, sind weit verbreitete Realität.
Trotzdem sorgten seine Schilderungen von den Zuständen in einer Großbäckerei, die die Firma Lidl belieferte, für entsetztes Kopfschütteln im aufmerksamen Publikum. Da wurde bis zur Erschöpfung gearbeitet, blutende Wunden nicht etwa verarztet, sondern es gab einfach eine Fuhre "blutige Brötchen" für den bestellenden Discounter.
Wer sich krank meldete, fand sofort die Kündigung im Briefkasten. Und als Wallraff eines Tages bei der Arbeit fror, sagte seine Chefin zu ihm: "Wenn ihnen zu kalt ist, müssen sie eben schneller arbeiten."
Und während der Prozess wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den Chef der Brotfabrik auch im dritten Anlauf vertagt worden ist, konnte Wallraff wenigstens eine gute Nachricht nach Hamburg mitbringen: Die Ex-Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens hatte soeben vom Arbeitsgericht Recht bekommen. Zumindest die fristlose Kündigung der Firma gegen sie musste zurückgenommen werden. Sie hatte sich in einem Fernsehinterview kritisch über die Pausenregelung geäußert.
Dutzende Hinweise auf ähnliche Zustände in anderen Firmen bekommt Wallraff jede Woche, seitdem sein Buch erschienen ist. "Gerade in den kleinen und mittleren Betrieben nimmt das immer mehr zu," stellt er fest und will weiter dazu ermuntern, solche Fälle investigativ zu recherchieren und an die Öffentlichkeit zu bringen.
Dafür hat der 68-Jährige ein Stipendium ausgeschrieben, auf das sich junge Leute bewerben können. "Denn ich kann das nicht alles machen", sagt er, auch wenn ihn seine tolle Maskenbildnerin immer noch in einen Anfang Fünzigjährigen verwandeln könne.
Zuletzt hat sich Wallraff, der Mitglied bei Ver.di und der IG Bau ist, die "Unrechtsanwälte" und "Rechtsanwälte des Schreckens" vorgenommen. Über seine Recherchen wird er im kommenden Jahr in einer Fernsehreportage berichten. Darin geht es um Menschen wie Helmut Naujoks, der ein Buch mit dem Titel "Kündigung von Unkündbaren" geschrieben hat und genau aufzeigt, wie lästige Mitarbeiter am besten aus dem Betrieb gedrängt werden können.
Eines der Kapitel beschäftigt sich zum Beispiel mit "Psycho-Folter durch den Arbeitgeber." Der Management & Karriere Verlag freut sich auf seiner Homepage: "Die Ausgabe 2002/2008 ist restlos vergriffen. Eine neue, völlig überarbeitete Ausgabe erscheint im Herbst 2010."
Es war ein spannender Abend im Polittbüro, an dem Wallraff die Zuhörer mit seiner mitreißenden Art in den Bann zog. Er las wenig, erzählte dafür umso mehr und bekam am Ende großen Applaus. Er ging aber nicht, ohne jedem Besucher geduldig seine Bücher zu signieren und in einer lebhaften Diskussion klar Stellung zu beziehen:
"Die Gehälter der Spitzenmanager sind in den letzten zehn Jahren um 300 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wird die Kluft zwischen Arm und Reich in diesem Land immer größer. Wir müssen Widerstand leisten."
Hamburgs DGB-Vorsitzender Uwe Grund: "Für dein Buch warst du ganz unten. Für uns mit politischem Herzen bist du aber ganz oben."


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