Deutscher Gewerkschaftsbund

25.09.2014

Wandbild am Gewerkschaftshaus: Aufstand in der Lauensteinschen Wagenfabrik

von Burchard Bösche

An der Ecke Repsoldstraße/Amsickstraße, direkt hinter dem heutigen Hamburger Gewerkschaftshaus, befand sich einst eine Waggonfabrik, genannt die Lauensteinsche Wagenfabrik. Sie war eine der größten im Lande, exportierte ihre Produkte bis nach Russland. Zusammen mit dem Zweigwerk in Rothenburgsort waren 1.400 Arbeiter beschäftigt. An diese Fabrik und den großen Kampf darin im Jahre 1869 erinnert ein Wandbild am Gewerkschaftshaus, das eben fertiggestellt wird.

Die Arbeiter bei Lauenstein waren kampferprobt. Ferdinand Lassalle ging schon 1864 in seiner letzten großen Rede vor dem tödlichen Duell in Genf, der Ronsdorfer Rede, ausführlich auf einen Streik in der Lauensteinschen Fabrik ein und pries die Solidarität und den Kampfesmut der Arbeiter.


1869 liefen die Geschäfte nicht gut. Direktor Kirchweger informierte seine Arbeiter, dass er leider die Akkordsätze um 25% senken müsse. Wer dafür nicht arbeiten wolle, solle sich eine andere Stelle suchen. Der Arbeiter brauche auf seinem Brot nicht Wurst und Speck, im Übrigen werde er sich niemals von den Arbeitern Forderungen stellen lassen, eher würde er die Arbeiten auswärts fertigen lassen.

Die Arbeiter lehnten das Angebot ab, es kam zum Streik, der sich insgesamt neun Wochen hinzog. Für die Arbeiter, die noch keine Streikkassen hatten, ging es um die Existenz. In der Fabrik wurden Streikbrecher eingestellt, recht und schlecht wurde weitergearbeitet. Am Abend des 7. September 1869 kam es zur Explosion. Die Streikenden zogen von ihrem Treffpunkt auf dem Zeughausmarkt zur Fabrik, als die Streikbrecher eben Feierabend machten und aus dem Werk strömten. Ihnen entgegen drangen die Streikenden ein und schlugen alles kurz und klein.

Sie zogen auch zum Zweigwerk in Rothenburgsort und der dortigen Wohnung des Direktors und zerstörten auch hier das Inventar. Direktor Kirchweger flüchtete über einen Zaun und erschoss dabei den Schmied Wonsel, einen seiner Arbeiter, den er dort angetroffen hatte. Wonsel war 28 Jahre alt und Vater von sechs Kindern. Zu seiner Beerdigung kamen 3.000 Menschen. Eine Gruppe der Arbeiter zog zum Lokal des Gastwirts Schneider, der die Streikbrecher an die Lauensteinsche Fabrik vermittelt hatte. Türen und Fenster wurden rausgerissen, sein Mobiliar ging in Trümmern und landete auf der Straße.

Es kam schließlich zu einer Einigung zwischen der Direktion und den Arbeitern. Kirchweger musste gehen und die alten Akkordsätze wurden wieder hergestellt. Allerdings waren die Schäden aus dem Arbeitskampf so groß, dass die Firma Konkurs anmelden musste. Gleichwohl wurde Direktor Kirchweger von den Aktionären für seine Tatkraft und Energie im Interesse der Aktionäre der „wärmste Dank“ ausgesprochen. Auch Polizei und Justiz standen fest auf der Seite der Eigentümer, zeitweilig waren 68 Streikteilnehmer in Haft. In der Bevölkerung waren die Sympathien anders verteilt. Kirchweger beklagte sich darüber, dass er auf der Straße angespuckt werde.

Die Künstlerin bei der Arbeit

DGB Hamburg

Der Arbeiteraufstand bei Lauenstein ähnelt dem Weberaufstand in Schlesien. Das Wandbild soll daran erinnern, dass es auch in Hamburg schwere Arbeitskämpfe gegeben hat, und wie mühsam das errungen wurde, was heute oft als soziale Selbstverständlichkeit gilt.

Das Wandbild wurde erstellt von Hildegund Schuster, die durch die FrauenFreiluftGalerie am Hafen bekannt geworden ist (www.frauenfreiluftgalerie.de). Initiiert und finanziert wurde es von der Kunststiftung Heinrich Stegemann (www.stegemann-stiftung.de).

Informationen gibt es bei Dr. Burchard Bösche, Kunststiftung Heinrich Stegemann im Gewerkschaftshaus.


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