Deutscher Gewerkschaftsbund

30.09.2014

Mehr als Sozial-Klimbim!

Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz in Hamburg besser gestalten

Die Vorsitzende des DGB Hamburg, Katja Karger, forderte auf der Fachtagung „Gute Arbeit – Gesunde Arbeitsbedingungen“ am 30. September, eine Anti-Stress-Verordnung, die – vergleichbar mit Regelungen zum Lärmschutz oder zum Umgang mit Gefahrstoffen – Beschäftigte in den Betrieben und Büros vor Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit schützt. Die Tagung wurde unter der Federführung des DGB Hamburg zusammen mit zahlreichen anderen Verbänden und kirchlichen Organisationen veranstaltet. „Von Arbeitgeberseite hören wir immer wieder, dass die Beschäftigten eben ihre privaten Probleme mit in den Betrieb bringen und überhaupt viel zu wenig Sport treiben. Aber schauen wir doch genauer hin: Was ist mit den ausufernden Arbeitszeiten, die kaum noch Platz lassen für soziale Kontakte und Erholung? Dem Ärger mit schwierigen Führungskräften? Die Belastungen durch mangelnde Unterstützung im Betrieb?“

Arbeitsschutz ist die Pflicht der Arbeitgeber – und keine Kür

„Wir stellen an dieser Stelle klar: Arbeitsschutz ist die Pflicht der Arbeitgeber – und keine Kür. Für die körperliche und seelische Unversehrtheit der Belegschaft zu sorgen, ist kein sozialer Klimbim, sondern schon jetzt gesetzliche Vorgabe“, sagte Karger. Eine zusätzliche Anti-Stress-Verordnung könne für weitere Klarheit und Sicherheit sorgen.

Die Umsetzung dieser Pflicht muss kontrolliert werden. Die zuständige Gewerbeaufsicht in Hamburg wurde personell in den Jahren 2006 bis 2012 um 22 % reduziert. Eine effektive Kontrolle und ausreichende Beratung entsprechend den Notwendigkeiten sind nicht möglich. Die Herausforderungen im Arbeitsschutz sind aber umfassender geworden, z. B. durch die Zunahme psychischer Belastungen. Die zuständige Gewerbeaufsicht in Hamburg müsse wieder so ausgestattet werden, dass effektive Kontrollen der Arbeitsplätze in den Betrieben möglich seien, so Karger. Zudem brauche es in der Stadt eine Anlaufstelle für psychisch belastete Beschäftigte.

160 Betriebs- und Personalräte, Mitarbeitervertretungen, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Betriebsärzte, Schwerbehindertenvertretungen sind dabei

Rund 160 Betriebs- und Personalräte, Mitarbeitervertretungen, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Betriebsärzte, Schwerbehindertenvertretungen haben sich auf der Tagung darüber informiert, wie Arbeitsbedingungen gut und alternsgerecht gestaltet werden können. Welche Dringlichkeit das Thema hat, zeigt zum Beispiel, dass laut Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK Hamburg Spitzenreiter bei den psychischen Erkrankungen ist. Diese können Folge permanenter Überlastung und mangelnder Unterstützung im Betrieb sein. Ein anderer Aspekt ist die demographische Entwicklung: Der Anteil der Erwerbspersonen, die 50 und älter sind, wird in Hamburg im Jahr 2025 bei rund 31,6 Prozent liegen und damit 6,4 Prozent höher als 2012.

Bei einer Umfrage der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz 2011 unter Hamburger Beschäftigten gaben mehr als 80 Prozent an, dass Sie in den letzten Jahren immer mehr Arbeit in der gleichen Zeit bewältigen mussten. Rund jeder fünfte Beschäftigte muss ständig oder häufig außerhalb seiner regulären Arbeitszeit für sein Unternehmen tätig sein.

Bundesweit wechseln immer mehr Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen in die Erwerbsminderungsrente. Im vergangenen Jahr waren es laut Deutscher Rentenversicherung 66.441, 732 mehr als 2012 und 19.351 mehr als 2005. Das Durchschnittsalter bei den Betroffenen lag bei 49 Jahren.

„Alternsgerechtes Arbeiten muss bereits bei den Berufsanfängern ansetzen und systematisch bis ins Alter fortgeführt werden. Wer heute nicht geschützt wird, läuft Gefahr morgen seinen oder ihren Beruf nicht mehr ausüben zu können“, so Karger.

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks und Bischöfin Kirsten Fehrs halten Grußwort

Zum Beginn der Fachtagung sagte die Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, Cornelia Prüfer-Storcks: „Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Zukunft engagiert bis zur Rente arbeiten sollen, dann geht das nur mit gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen. Dazu gehört auch die Berücksichtigung von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz. Hamburg setzt sich deshalb für eine verbindliche bundesweite Regelung zum Umgang mit psychischen Belastungen in der Arbeitswelt ein.“

„Als Kirche können wir zeigen, was zu gesundem Arbeiten und Leben gehört. Arbeit soll den Menschen nicht nur ernähren, sondern auch Sinn stiften und Wertschätzung ermöglichen. Nur so ist eine Balance zwischen Leistung und Lebensqualität möglich“, so Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck in einem weiteren Grußwort. Arbeit brauche Lohn und Brot, aber auch Wertschätzung und Lob.

Andreas Dittmann und  Monika Keller von der Unfallkasse Nord zeigten in ihren Vorträgen, wie Wege von der Gefährdungsbeurteilung zur Organisationsentwicklung ablaufen können. Sie stellten in ihrer Praxis jedoch fest, dass „erschreckend“ wenige Betriebe überhaupt eine Gefährdungsbeurteilung durchführen und noch weniger sind es, die dabei nicht nur Lärm, Gefahrenstoffe oder Beleuchtung untersuchten, sondern auch die psychischen Belastungen in den Blick nähmen.

Michael Gümbel von der Beratungsstelle Arbeit & Gesundheit, der den gesetzlichen Rahmen beleuchtete, in dem sich Interessensvertreter in Sachen gesunde Arbeitsbedingungen bewegen, hat Ähnliches erlebt. „Viele tun so, als wüssten sie schon, um was es geht. Es gibt aber nur sehr wenige Arbeitgeber, die zugeben, dass sie nicht genau wissen, was eine Gefährdungsbeurteilung ist“, so Gümbel. In seinem Vortrag erläuterte er auch die veränderten Bedingungen in der neuen Arbeitswelt: Selbstoptimierung, hohe Verunsicherung, stark gestiegener Leistungsdruck, ständige, manchmal übereilte Veränderungsprozesse in den Betrieben, zunehmende Arbeitsverdichtung durch Rationalisierung und eine hohe Eigenverantwortung sind Belastungen, die sich auf die Psyche der Beschäftigten auswirken.

Das Theater-Duo Kaleidoskop unterhielt die Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit ihrer "Grauzonen-Agentur" und den Sorgen der Generation 40+++.

 

 

DGB Hamburg

DGB Hamburg

 

Die Gestaltung der Arbeitsbedingungen wird ein immer wichtiger werdender Faktor für Unternehmen und Beschäftigte. Der notwendige Gesundheitsschutz spielt hier die entscheidende Rolle, nur leider ist dies Thema in viel zu wenigen Hamburger Betrieben präsent. Rüdiger Granz, Beratungsstelle Arbeit & Gesundheit: „Arbeits- und Gesundheitsschutz stehen bei vielen Firmen leider hinten an und werden als Sozial-Klimbim abgetan. Vielen Unternehmern, aber auch Betriebsräten, ist gar nicht bewusst, was sie auch mit einfachen Maßnahmen erreichen können. Zum Beispiel für eine ergonomische Arbeitsplatzgestaltung. Wichtig bei der Umsetzung ist, dass die Beschäftigten beteiligt werden.“ Einige Unternehmen sind aber bereits erste Schritte gegangen, Betriebsräte wurden aktiv und Belegschaften an den neuen Ideen beteiligt:

Rainer Treptow, Geschäftsführer, Eppendorf Instrumente GmbH: „Uns war die Ganzheitlichkeit des Konzepts für den Gesundheitsschutz wichtig. Deswegen haben wir nicht nur die Arbeitsplätze optimiert, sondern auch etwas gegen die psychischen Belastungen der Mitarbeiter getan, oder Angebote für alle geschaffen. Dazu gehört zum Beispiel der Betriebskindergarten mit flexiblen Öffnungszeiten, ein spezielles Kopftraining, oder Sprach- und andere Kurse, um Abwechslung zu bieten.“

Thomas Spich, Betriebsrat Eppendorf Instrumente GmbH: „Wir wollten die Erfahrung unserer älteren Kolleginnen und Kollegen nicht verlieren, sie sollten möglichst lang bei uns arbeiten können. Deswegen war klar, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern mussten. Als Betriebsrat betrachten wir die Ergebnisse positiv.“

Eppendorf Instrumente gehört zum Eppendorf Konzern und wurde 2001 als Tochterfirma gegründet. Das Unternehmen produziert Geräte für die biotechnologische Forschung. Für die Firma arbeiten ca. 180 Menschen. 2011 hat der Betrieb den Hamburger Gesundheitspreis bekommen.

Beispiele für Maßnahmen bei der Eppendorf Instrumente GmbH: Arbeitsplatz-Umgestaltung durch rückengerechte Gestaltung, Steh-Sitz-Arbeitsplätze, Hebevorrichtungen, etc. Job-Rotation, Möglichkeiten zur Arbeitszeitreduzierung, Angebote von Kopf- und Kreativtrainings, Sprachkursen etc. .

Weitere Beispiele und Verbesserungen von Arbeitsbedingungen:

Hydro Aluminium: „Humanisierungspaket für Schichtarbeiter“. Die Altersteilzeitquote wurde erhöht, es gibt Altersfreizeit („Opa-Tage“), Schichtmodelle ohne Nachtschichten etc.

Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz: Erste Behörde bundesweit, die anhand des DGB Index Gute Arbeit flächendeckend und mit breiter Beteiligung (72%) eine Mitarbeiter-Befragung zum Thema psychische Belastungen durchgeführt hat. Die Auswertung läuft.

Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein AG (VHH): „Tarifvertrag Demografischer Wandel“: Arbeitsbewältigungsgespräch, Entlastungstage, Möglichkeit für Mitarbeiter Urlaubsgeld Freizeit umzuwandeln.

 

Wie geht es weiter?

Arbeitskreis Arbeits- und Gesundheitsschutz im DGB Hamburg: Petra Heese, petra.heese@dgb.de

Arbeitskreis Arbeits- und Gesundheitsschutz in der IG Metall: Thorsten Senhen, thorsten.senhen@igmetall.de, Gabor Hill, gabor.hill@nxp.com

Arbeitskreis Arbeits- und Gesundheitsschutz ver.di Hamburg: Thomas Friedl, FALAMEEZAR@Posteo.net

 

 Hier einige Skripte und Präsentationen der Vorträge:

 

 

Materialen zum Workshop Demografie-Tarifvertrag: Ein Rahmen für das Haus der Arbeitsfähigkeit

 

Materialien zum Workshop Salutogenes Leitungshandeln

 

Materialien zum Workshop Gefährdungsburteilung psychische Belastungen


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