Deutscher Gewerkschaftsbund

26.05.2020

Raus aus dem Versteck

Ihr persönlicher Feiertag ist der sechste November 2014. Der Tag, an dem sie ins Krankenhaus kam. Es war das Ende eines Versteckspiels und der Beginn eines neuen Lebens. Seitdem ist Anouk eine Frau. Zusammen mit anderen Gewerkschafter*innen engagiert sie sich im Arbeitskreis Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle (LSBTI).

Als Kind zog sie oft die Kleider ihrer Schwester oder Mutter an. „Es war wie Zuhause sein“, erzählt sie. Schule, Bundeswehr - das Gefühl blieb. „Mir wurde immer bewusster, dass das was ich im Spiegel sah, nicht ich war.“ Auch als sie eine Frau heiratete und Vater wurde. Mit 26 offenbarte sie sich ihrer Lebenspartnerin, bekam aber wenig Verständnis. Das Versteckspiel ging weiter.

Anouk vom AK LSBTI

Anouk vom AK LSBTI DGB HH

Sie ging nach Ägypten, kochte dort in einem deutschen Restaurant und kehrte nach einigen Jahren wieder zurück. „Wie ein Roboter“ fühlte sie sich. Ihr wichtigster Halt: ihr Hund. „Wenn der nicht gewesen wäre - ich weiß nicht, was passiert wäre.“

Immer klarer wurde ihr: „Du musst den Weg gehen“. So wagte sie ihr Outing 2012. „Ich schrieb meinen Freunden, dass ich mich als Frau fühle.“ Sie bekam viel Zuspruch und Unterstützung.

Doch das war erst der Startschuss für einen steinigen Weg.

Antrag auf Personenstandsänderung beim Amtsgericht, zahlreiche Arzttermine, Therapiesitzungen, Hormonbehandlung. Das Verfahren sieht vor, dass zwei psychologische Gutachter*innen feststellen sollen, ob auch alle Voraussetzungen erfüllt sind.

 

Viele Hürden in Deutschland, in anderen Ländern nicht

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum einem da so viele Hürden in den Weg gelegt werden. Viele Länder haben das Verfahren schon erleichtert. In Deutschland bleibt es eine einzige Gängelung.“

Die Regeln sind im Transsexuellengesetz von 1981 festgelegt. Das Verfassungsgericht hatte in der Vergangenheit einige Passagen für verfassungswidrig erklärt, so dass es reformiert werden muss. Doch der neue Gesetzesentwurf zog wieder viel Kritik auf sich, auch vom DGB, und liegt derzeit auf Eis.


DGB-Stellungnahme-Neuregelung-Geschlechtseintrag (PDF, 198 kB)

Stellungnahme des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum Referentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz und des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat zum Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung der Änderung des Geschlechtseintrags


"Kritisch zu bewerten ist insoweit, dass transgeschlechtliche Personen ihren Geschlechtseintrag nach wie vor nur durch ein gerichtliches Verfahren ändern können sollen, nicht jedoch einfach mittels Erklärung gegenüber dem Standesamt, wie es für intergeschlechtliche Personen möglich ist", heißt es in einer DGB-Stellungnahme.

Für transgeschlechtliche Menschen müssten die gleichen Rechte und Möglichkeiten gelten wie für intergeschlechtliche Menschen.

Das Gesetz muss eine Hilfe sein, keine Abschreckung

Für Anouk steht fest: „Das Gesetz in dieser Form ist eine Abschreckung, keine Hilfe. Nicht von ungefähr ist die Selbstmordrate unter Transmenschen hoch. Das liegt auch an den hohen Hürden des Verfahrens.“

Für eine grundlegende Reform setzt sie sich auch im Arbeitskreis LSBTI beim DGB Hamburg ein. Daneben möchte sie für mehr Aufklärung über Transgender Menschen in den Betrieben sorgen. Auch aus eigener Erfahrung als Beschäftigte bei der Deutschen Bahn. „Es herrscht ein großes Unwissen. Auch bei meinem Arbeitgeber habe ich erstmal niemanden gefunden, der oder die sich mit dem Thema Transsexualität auskennt. Das ist ein Problem, weil es sowieso schon große Überwindung kostet, darüber mit den Vorgesetzten zu sprechen.“

Große Unternehmen müssen eine Vorreiterrolle einnehmen und Unterstützung bieten

Doch es tut sich was, auch bei der Bahn. Unter dem Schlagwort „Einziganders“ soll dort auch eine LGBTIQ -freundliche Unternehmenskultur gefördert werden. Der Konzern finanziert außerdem Seminare, in denen sich Beschäftigte mit einem möglichen Coming Out auseinandersetzen können. Die Seminare werden von einem externen Partner ausgerichtet, so dass die Kolleg*innen bei der Bahn anonym bleiben können.

Anouk wünscht sich, dass große Unternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen und ihren Beschäftigten solche Unterstützung anbieten und für Verständnis im Betrieb sorgen. Passiert das nicht, kann das böse Folgen haben. „Da können Vorgesetzte schnell man eine Kündigung aussprechen, weil sie von der Situation überfordert sind. Oder es kommt zu Mobbing“, so Anouk.

Im Arbeitskreis LSBTI engagieren sich Menschen gewerkschaftsübergreifend

Von den Gewerkschaften erwartet sie, das Thema noch stärker in die Betriebe zu bringen und selbst Beratungsangebote zu schaffen. Bei ihrer Gewerkschaft, der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist sie damit schon vorangekommen.

Auch im Arbeitskreis LSBTI stößt sie auf offene Ohren. Gemeinsam setzen sich die Mitglieder gewerkschaftsübergreifend für Aufklärung und die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Intersexuellen ein.

Anouk wird sich dort weiter engagieren, ihre Erfahrungen einbringen. Denn sie weiß genau, wie groß der Schritt zu einer Geschlechtsumwandlung für viele ist, aber auch wie befreiend. „Ich möchte jede*n dazu ermutigen.“

Tipps und Informationen gibt Anouk auf einer eigenen Website.

Der AK LSBTI freut sich immer über Mitstreiter*innen.

Kontakt:

DGB Hamburg

Arbeitskreis LSBTI

Michaela Freudenfeld Mail: michaela.freudenfeld[at]dgb.de

Tel: 040 607766111


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