Deutscher Gewerkschaftsbund

11.01.2021

Homeoffice: Zwischen Hurra und Vorsicht

Sofa, Küchentisch oder – ganz luxuriös – der eigene Schreibtisch: Das ist kein Möbelkatalog, sondern die aktuelle Arbeitsplatz-Beschreibung für viele Beschäftigte. Was das bedeutet, wie die Situation in Hamburg ist und was die Gewerkschaften fordern, darüber haben Betriebsräte und Katja Karger Ende vergangenen Jahres Hamburger Politiker/-innen berichtet. 

 

Frau am Küchentisch vor Laptop mit Handy am Ohr

Colourbox.de

Die Videokonferenz fängt klassisch an: Zum Start ist der Laptop von Hamburgs DGB-Vorsitzender Katja Karger eingefroren. Ihr Vortrag beginnt mit Verzögerung. Es ruckelt eben noch beim Arbeiten von Zuhause. Und dennoch: Zwei Drittel der Beschäftigten begrüßen das verstärkte Homeoffice. Es bietet ihnen eine hohe Arbeitszufriedenheit und Arbeitszeitsouveranität.

 

 

Also alles bestens?  

„So einfach ist es natürlich nicht“, sagt Katja Karger.  „Zunächst müssen wir klären, über was wir hier überhaupt reden.“ Denn während es für die sogenannte „Telearbeit“ schon länger klare Regelungen in der Arbeitsstättenverordnung gibt (§ 2 Abs. 7 Satz 1), fehlt ein Rechtsrahmen für mobiles  Arbeiten bzw. Homeoffice.  Immerhin gibt es so etwas wie eine Definition. So sind drei Punkte Voraussetzung:   

- selbstgewählter Ort: Zuhause (gestaltbar)
- Wunsch der Arbeitnehmer  = freiwillig
- kein Entweder-oder 

Aber welche Beschäftigte nutzen überhaupt Homeoffice? Untersuchungen zeigen:  Je höher der berufliche Status, desto häufiger wird im Homeoffice gearbeitet. Die Debatte ginge  an der Arbeitswelt vieler anderer vorbei, die aber nicht ausgeblendet werden dürften, so Karger.  

Die Risiken und Schwierigkeiten verbunden mit dem Homeoffice seien zudem vielfältig. Einige Beispiele in Stichworten:   

  •   Lange und atypische Arbeitszeiten 
  •   Unbezahlte Überstunden 
  •   Erreichbarkeit / Verfügbarkeitserwartungen 
  •   Entgrenzung 
  •   Isolation 
  •   Ergonomie / Gesundheitsschutz  
  •   Ausstattung 
  •   Kinderbetreuung 
  •   Spaltung von Belegschaften 
  •   Abmietung von Büroflächen 
  •   Zukunft „Hot-Desking“? 
  •   Outsourcing? 

Zwischen „Hurra“ und „Vorsicht“ jonglieren auch Hamburger Betriebsrät/-innen, die aus ihren Unternehmen berichten und dabei viele der Punkte aufnehmen.  

Bei Airbus gibt es bereits gute Vereinbarungen zur Telearbeit, berichtet Betriebsrätin Carola Balke-Steffen. An Regelungen zum Homeoffice wird auch hier gearbeitet. Der Arbeitgeber stellt zwar in bestimmtem Rahmen die Ausstattung, bei allem was darüber hinaus geht hat er allerdings auch unmissverständlich klargemacht, würden die Kosten mit dem Abbau von Stellen gegengerechnet.  

„Es werden anspruchsvolle Verhandlungen“, glaubt Balke-Steffen, „ wir sind nicht bereit, die Kolleg/-innen in ihrer Verantwortung für die eigene Gesundheit allein zu lassen.“ Doch die Gefahr der Spaltung der Belegschaft tut sich auch hier auf.  

Büroflächenreduzierung und Desk-Sharing sind jetzt große Themen

Beim Versicherungskonzern Generali sind in Hamburg bis zu 90 Prozent im Homeoffice. „Führende Entscheider, die das früher skeptisch betrachtet haben, sind Fans geworden“, berichtet Gesamtbetriebsrat Daniel-Christoph Schmidt. Doch leider nicht nur, weil sie um das Wohl ihrer Beschäftigten besorgt sind. „Die blicken auch in die Bilanz. Büroflächenreduzierung und Desk-Sharing sind jetzt große Themen.“ Zehn Menschen könnten sich in Zukunft sechs oder nur vier Arbeitsplätze teilen. Dafür ist das Unternehmen bereit, Büromöbel zu verschenken und alle mit der notwendigen Technik zuhause auszustatten. Schmidt: „Die Gespräche auf den Fluren können aber auch so nicht ersetzt werden.“

 

Videotalk des DGB HH

Videotalk des DGB HH DGB HH

Ähnliche Diskussionen gibt es auch bei der Firma Ingredion in Hamburg. Auch dort ist Desk-Sharing ein aktuelles Thema, berichtet Betriebsrätin Regina Wulf. In ihrem Unternehmen müsse man sich allerdings für das Homeoffice „bewerben“ und die Arbeitszeiten werden vom Arbeitgeber streng über das Einloggen im Firmensystem kontrolliert. 

Wie stellvertretend die Beschreibung der drei Betriebsräte für die Situation in Hamburg ist, lässt sich nicht einordnen, denn es fehlt an einer umfassenden Bestandsaufnahme. Ein Grund für den DGB Hamburg, eine Auswertung im Rahmen des DGB Index Gute Arbeit für die Stadt zu fordern.  

Politiker/-innen: Homeoffice braucht gesetzliche Regelungen

Für die bei der Videokonferenz anwesenden Politiker/-innen und Gewerkschafter/-innen waren die Einblicke sehr hilfreich, wie alle betonten.  

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Bartke verwies auf den Entwurf des Mobile-Arbeit-Gesetz aus dem Arbeitsministerium, der zwar schwächer als in der ersten Version ausfalle, aber trotzdem noch viele hilfreiche Regelungen umfasse und Anfang des Jahres in die Abstimmung kommen solle. 

Outsoucing als Gefahr: Arbeitsplatzabbau kann drohen

Filiz Demirel von den Hamburger GRÜNEN sieht ebenfalls Probleme bei der Gestaltung von Homeoffice und pocht auf bessere gesetzliche Rahmenbedingungen. Gleichzeitig dürften diejenigen, die noch in Betrieben und Unternehmen vor Ort sein müssten, nicht vergessen werden. Homeoffice-Regelungen dürften nicht zu ihrem Nachteil getroffen werden.  

Stefan Jersch von der LINKEN in Hamburg betonte, man dürfe bei der Debatte auch nicht diejenigen unter den Tisch fallen lassen, die nicht über ausreichenden Zugang zu Kommunikationstechnik hätten. Auch müsse das vermehrte Homeoffice bei der Stadtplanung mitgedacht werden. Und schließlich bestehe die Gefahr, dass Firmen Teile ihres Betriebes ausgliedern und outsourcen. Auch in andere Länder. Hier sei Wachsamkeit geboten. 

Gestresste Mutter mit Kindern im Homeoffice

DGB/123rf.com/choreograph

Homeoffice und Kinderbetreuung gleichzeitig ist große Herausforderung

Dorothee Martin, Bundestagsabgeordnete aus Hamburg betonte, die Verbindung zwischen Homeoffice und Carearbeit sei ein wichtiges Thema. Ihr würde immer wieder auffallen, dass an Videokonferenzen am Nachmittag und Abend weniger Frauen teilnehmen würden. Denn sie müssten sich dann verstärkt um ihre Kinder kümmern. Deswegen sei es so wichtig, gute Schul- und Betreuungsangebote zu bieten.  

Diesen Punkt nahm auch Sandra Goldschmidt von ver.di Hamburg auf. „Wer kleine Kinder hat, kann aus dem Homeoffice nicht in vollständigem Rahmen seiner Arbeit nachgehen. Es muss Regelungen zur Freistellung geben. Es hat viele an den Rand der Belastungsgrenze gebracht. Da müssen bessere Regelungen her, als im Frühjahr“, fordert sie.  

Mitbestimmung ist das A und O für funktionierende Regelungen im Betrieb

Sandro Kappe von der CDU Hamburg war vor allem an der Situation im öffentlichen Dienst interessiert. Dazu gibt es bereits einen Austausch zwischen der CDU und dem DGB.  

Grundsätzlich, so Jan Koltze, Bürgerschaftsabgeordneter der SPD Hamburg und Vorsitzender der IG BCE in Hamburg, bräuchte es beim Thema Homeoffice toughe Mitbestimmungsregularien. „Viele arbeiten über den Durst. Die Euphorie am Anfang ist bei einigen längst verflogen. Gerade bei der ergonomischen Einrichtung von Arbeitsplätzen muss viel geschehen“.  

 

„Betriebsräte brauchen bessere Möglichkeiten für die Einführung und Ausgestaltung von mobiler Arbeit und Homeoffice, nicht zuletzt um neuen Spannungen im Betrieb zu begegnen, die Ausstattung zu verbessern und zu gewährleisten, dass Homeoffice in normalen Zeiten auch wirklich freiwillig bleibt.“
- Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender -

Wo die Reise hingehen kann, zeigte er am Beispiel eines Hamburger Kosmetikherstellers auf. Der spare bereits einen Büroneubau ein. Das Geld solle dann den Beschäftigten zur Ausstattung der Heimarbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden.  

Was die Gewerkschaften zum Thema Homeoffice fordern, hat der DGB in einem Positionspapier zusammengefasst. Hier geht es zum Papier


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