Deutscher Gewerkschaftsbund

13.12.2019
– Ein Chor wird 40 –

Gemeinsam singen wir lauter!

Vierzig Jahre Chor Hamburger Gewerkschafter*innen! Ein Blick zurück

Von Monika Abraham

Rein zahlenmäßig haben wir gar nicht so klein angefangen: Dem Aufruf des Kreisjugendausschusses beim DGB zur Gründung eines gewerkschaftlich organisierten Chores waren am 25.9.1979 immerhin 24 Student*innen und Berufstätige gefolgt, die gerne singen und dabei die Inhalte nicht links liegen lassen wollten.

Musikalisch hingegen waren die Anfänge eher bescheiden. Viele von uns hatten keine Chorerfahrung, Notenlesen und mehrstimmiges Singen waren Neuland. Der erste Auftritt kam schon im Februar 1980 auf einer Kundgebung gegen Jugendarbeitslosigkeit. Unsere Begeisterung und Engagement trugen sicherlich mehr zum Erfolg bei als musikalisches Können. Einziger ausgebildeter Musiker war unser erster Chorleiter und Dirigent Wolfgang Friedrich.

Weitere Auftritte bei den politischen Bewegungen dieser Zeit (oft im Freien) kamen in schneller Folge. Allein im Jahre 1980 waren es achtzehn! Unser Repertoire bestand damals hauptsächlich aus Arbeiterliedern, Liedern internationaler Solidarität, Liedern aus dem antifaschistischen Widerstand und aus Friedensliedern – überwiegend mit einfachen Notensätzen, oft bekannt und gut geeignet zum Mitsingen.

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Auftritte in der Dortmunder Westfalenhalle, in Kiel oder dem Audimax

Wir waren nicht der einzige Chor, der sich in dieser Zeit des Aufkommens der Neuen Linken gründete. Es entstanden viele Songgruppen und neue Chöre, die sich wie wir musikalisch einmischen und solidarisieren wollten mit den politischen Bewegungen dieser Zeit.  Wir knüpften damit an die Kultur und Geschichte des politischen Liedes an. Für diese „Kunstform“ ist der Dreiklang aus Text, Musik und Vortrag ein grundlegendes Charakteristikum, das unserer Auswahl der Stücke bis heute zu Grunde liegt.

Richtig populär werden politische Lieder oft in Verbindung mit politischen Bewegungen.  So traten wir jahrelang bei Veranstaltungen der Friedensbewegung und der Gewerkschaften auf – auch in großen Hallen wie der Dortmunder Westfalen-Halle, der Stadthalle Kiel oder dem Audimax in Hamburg – und oft zusammen mit ebenfalls für den Frieden und gegen den Nato Doppelbeschluss aktiven Künstler*innen wie Esther Bejarano, Gisela May, Peter Franke, Donata Höffer, Hannes Wader, Rolf Becker u. v. a.  mehr. Für uns waren dies bewegende und unvergessene Auftritte, so z. B. das mit Gisela May gemeinsam gesungene Lied „Blauer Planet“ von Karat.

Mit der Zeit wagten wir uns an anspruchsvollere Chorsätze, so sangen und singen wir u. a. Titel aus dem reichhaltigen Fundus von Brecht/ Eisler. Auch Titel aus Rock und Pop kamen dazu,  z.B. von der Kölner Politrockband Floh de Cologne „Gegen den Hunger“ oder „Geld oder Leben“ von der österreichischen Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“.

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Jubiläumsprogramm: „40 Jahre Widerstand mit Chorgesang“

Mehr und mehr wurde unser Fundus bereichert durch Eigenkompositionen des Musikers und Komponisten Niels Frédéric Hoffmann, der von Januar 1984 bis Frühjahr 2013 den Chor leitete und uns einen großen Schatz an für uns komponierten Liedern oder passgenauen Arrangements hinterließ. 

Durch unsere musikalische Weiterentwicklung war es fast folgerichtig, auch ein eigenes Programm zu erarbeiten. Ende 1986 hatten wir Premiere mit unserem ersten eigenen Veranstaltungsprogramm, dessen Titel mit Heinrich Heine war: „Es wächst hienieden Brot genug für alle Menschenkinder". Mittlerweile haben wir viele eigene Produktionen erarbeitet, die wir i. d. R. zweimal aufführen.

Aktuell arbeiten wir mit engagierter Unterstützung unserer jetzigen Chorleiterin Natalie Kopp an dem Programm anlässlich unseres 40jährigen Jubiläums „40 Jahre Widerstand mit Chorgesang“, das am 21.3.2020 in der Jugendmusikschule Hamburg aufgeführt wird.

 

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Chorleben: Freundschaften, Liebschaften und Ehen entstanden und gingen wieder 

Nach wie vor liegen zwischen den arbeitsintensiven großen Programmen (Kurz-)Auftritte, z.B. bei den Ostermärschen, zum Tag der Arbeit, zum Antikriegstag oder bei anderen politischen und/oder kulturellen Veranstaltungen. Diese sind unser „Markenkern“ oder „Alleinstellungsmerkmal“.

Wo stehen wir heute, 40 Jahre nach der Gründung? Viele von uns halten dem Chor die Treue. Aktuell haben wir zwei Mitglieder, die seit dem Gründungsjahr dabei sind und 20 die bereits seit 25 Jahren und mehr mit uns gemeinsam singen. Und nicht nur das! Der Chor war und ist für viele von uns mehr als ein „Hobby“! Freundschaften, Liebschaften und Ehen entstanden und gingen wieder auseinander, Kinder wurden geboren und wurden erwachsen, es wird zusammen verreist, Karten gespielt, gewandert und gefrühstückt, politische Veranstaltungen, Aktionen und Demonstrationen besucht und auch privat in einigen Kreisen gesungen.

Aber passt der Ansatz eines „politischen Chores“ noch in die heutige Zeit?  Wie sieht es heute eigentlich mit dem politischen Lied aus?  Hört man noch Protest-Songs gegen politisches oder soziales Unrecht? Viele jüngere Menschen kennen eher „Nur noch kurz die Welt retten" von Tim Bendzko als Lieder aus unserem Repertoire, andere haben neue und eigene Stilmittel für ihren Protest gefunden.

 

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Chor Hamburger Gewerkschafter*innen Chor Hamburger Gewerkschafter*innen

Gemeinsam singen mit einer Portion Idealismus

Sind wir mit unseren Liedern also „aus der Zeit“ gefallen? Ein Stück weit sicherlich. Aber wir fühlen uns – auch laut Satzung – verpflichtet, dieses historische Liedgut (anerkannt als Immaterielles Kulturerbe) zu erhalten und weiterhin zu Gehör zu bringen. Wir sind allerdings auch offen für aktuellere Titel wie z. B. „Schöne neue Welt“ von Culcha Candela, die man auf den Friday for Future-Demos hört.

Da sind wir also immer noch! Es mag eine Portion Idealismus dabei sein, wenn wir als Chor meinen, mit unseren Liedern die Welt einfangen zu können: Sie so zu besingen, wie sie ist, und so, wie sie sein sollte. Gemeinsam gesungene Lieder aber zeigen: Diese Gedanken werden von vielen geteilt. Gemeinsames Singen macht Mut und bringt Freude.

Herzlichen Glückwunsch zum 40jährigen Bestehen, Chor Hamburger Gewerkschafter*innen!

http://www.chgg.de/

Kartenvorverkauf für unser Konzert: kartenvorverkauf[at]chgg.de


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