Deutscher Gewerkschaftsbund

20.12.2019

Gute Tarife für ein gutes Leben in Hamburg

von Jörn Breiholz, Die Gewerkschaftsreporter

Ruben Jürgensen* ist 38 Jahre, Betonfacharbeiter und lebt mit seiner Frau Ira und den beiden Töchtern in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Jeden Morgen setzt er sich um 4:30 Uhr in sein Auto, wechselt um 4:55 Uhr in Neustadt-Glewe vom Fahrer- auf den Beifahrersitz und fährt dann mit seinen anderen sieben Arbeitskollegen im Kleinbus nach Hamburg Altona. Dort bauen sie gerade das neue Schulgebäude im Gymnasium Allee.

Arbeitsbeginn ist um 6:30 Uhr. Wenn es gut läuft, ist er gegen 17:00 Uhr wieder zuhause.  Gelohnt haben sich die 12,5 Stunden Arbeitseinsatz trotzdem nicht so richtig. Der Baumindestlohn, den seine Firma ihm auf der Baustelle der Stadt Hamburg zahlt, reicht gerade, um die Wohnung in Parchim zu bezahlen und im Sommer in den Urlaub zu fahren, drei Wochen Campen in Polen.

Matthias Maurer

Matthias Maurer IG BAU

"Unsere Kollegen müssen ins Umland abwandern, die können sich die Mieten hier nicht mehr leisten"

 

Für das, wovon er und Ira geträumt haben, als Ruben vor sieben Jahren den neuen Job in Hamburg bekommen hat, wird es nicht reichen: „Wir werden keine der Wohnungen bezahlen können, die wir mit unserer Firma in den letzten Jahren in Hamburg gebaut haben“, weiß er heute. „Um in Hamburg eine Wohnung bezahlen zu können, müsste ich schon Tariflohn verdienen.“

In der Stadt findet sich nur selten ein Betonbauer oder Maurer aus Hamburg

Das wäre dann etwa ein Drittel mehr pro Stunde, als er jetzt verdient. Aber den bekommt er hier nicht – auch nicht, wenn er im Auftrag der Stadt arbeitet.

Matthias Maurer kennt viele solcher Geschichten. Als Bezirksvorsitzender der IG Bauen- Agrar-Umwelt (IG BAU) ist er so etwas wie Hamburgs oberster Bauarbeiter. Er weiß, dass auf Hamburgs Baustellen nur selten ein Betonbauer oder Maurer aus Hamburg zu finden ist. „Unsere Kollegen müssen ins Umland abwandern, die können sich die Mieten in den Häusern, die sie hier bauen, schon lange nicht mehr leisten“, sagt der Zimmerermeister.

Hauptsache billig, ist die Devise

Weil das Hamburger Vergabegesetz für öffentliche Aufträge lediglich Mindestlohn verlangt, fordert nicht einmal die Stadt Hamburg in ihren Ausschreibungen Tariflöhne als Kriterium für potenzielle Auftragnehmer. So zahlen die Bauunternehmen, die die mit Hamburger Steuergeldern bezahlten Kitas, Schulen und Sporthallen hochziehen, lediglich Mindestlohn. Hauptsache billig, ist die Devise. Manche Subunternehmen holen sich ihre Beschäftigten aus ganz Europa, damit sie in Hamburg auf Montage zu Dumpinglöhnen arbeiten.

Weil das schon seit vielen Jahren so geht, geht das Lohnniveau auf dem Bau immer weiter in den Keller. „Hamburger Firmen, die Tarif zahlen, haben keine Chance auf dem Hamburger Baumarkt“, sagt Matthias Maurer. „Ich kenne tarifgebundene Unternehmen, die hatten vor zehn Jahren noch 200 Mitarbeiter und haben Hamburger Schulen saniert. Heute haben die noch 20 Beschäftigte.“

Tarifbindung

Tarifbindung DGB Zukunftsdialog

Gesetz muss Unternehmen verpflichten, Tariflohn zu zahlen

Um das zu ändern, fordern DGB Hamburg, die IG BAU und die anderen Gewerkschaften ein neues Hamburger Vergabegesetz. „Das muss die Unternehmen dazu verpflichten, Tariflohn zu zahlen, wenn sie Aufträge aus Steuergeldern haben wollen“, sagt Matthias Maurer.

Das würde auch andere Branchen und ihren Beschäftigten zugutekommen, beispielsweise den Gebäudereinigern oder den Beschäftigten in Verkehrsbetrieben. Bremen ist diesen Weg gegangen und hat ein Vergabegesetz erlassen, das als Kern den Tariflohn für öffentliche Aufträge festsetzt. Berlin auch.

Auch die Stadt Hamburg profitiert von fairen Löhnen bei der Vergabe

Der Tariflohn würde zum Leben in Hamburg reichen – und bestimmt den einen oder anderen Beschäftigten auf dem Bau davon überzeugen, wieder nach Hamburg zu ziehen. Auch Ruben und Ira Jürgensen könnten ihren Traum dann doch noch realisieren und mit den beiden Töchtern nach Hamburg ziehen.

Das wiederum käme der Stadt zugute: Denn seine Lohnsteuer würde Ruben Jürgensen dann direkt in den Hamburger Stadtsäckel zahlen. Und mit seinen anderen Ausgaben kurbelt die Familie Jürgensen die lokale Ökonomie an. „So hätten alle etwas von fairen Löhnen“, sagt Matthias Maurer. „Für die Stadt wäre es nicht viel teurer, wir würden anfangen, den Sumpf der Billiglöhne trocken zu legen, und die Beschäftigten könnten von ihrer Hände Arbeit auch in einer Stadt wie Hamburg leben. Das muss doch drin sein, wenn man für die Stadt arbeitet.“

*Name von der Redaktion geändert

Anmerkung

Die Bürgerschaft hat inzwischen den Weg geebnet: Tarifbindung sowie die Einhaltung eines Mindestlohns von 12 Euro sollen zu festen Kriterien bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen werden. Hier gibt es die Hintergründe.

Unsere Pressemitteilung, in der wir eine Reform des Vergabegesetzes fordern, gibt es hier.

 

Unser Eckpunktepapier zur Reform des Vergabegesetes

 

 

Für mehr Tarifbindung

Für mehr Tarifbindung DGB HH


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