Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 15.04.2003

Zukunft der beruflichen Bildung in Hamburg: Staatliche Verantwortung muss bleiben!

Die Behörde für Bildung und Sport plant gemeinsam mit der Handelskammer Hamburg die Zuständigkeit der Hamburger beruflichen Schulen an einen „wirt-schaftsnahen“ Träger in Form einer Stiftung des öffentlichen Rechts zu überge-ben. Bei der Senats- und Koalitionsklausur am 5. Mai 2002 in Jesteburg wurde die „Überführung der Berufsschulen in Kooperation mit Handelkammer und Handwerkskammer in eine private Trägergesellschaft“ beschlossen. Dies wird jetzt umgesetzt. Die beruflichen Schulen werden damit faktisch in die Hand der Handelskammer gegeben, denn die Handelskammer hat – soweit der bisher bekannte Planungsstand – die ab-solute Mehrheit im Stiftungsvorstand der neu zu gründenden Stiftung. Senat und Handelskammer haben bis heute in ihre weitreichenden Überlegungen weder wich-tige gesellschaftliche Expertinnen und Experten noch Gewerkschaften oder die be-ruflichen Schulen selbst einbezogen.
Die beruflichen Schulen in Hamburg: Gewichtiger Teil des Hamburger Bildungssystems
An den 49 beruflichen Schulen in Hamburg sind insgesamt 3.442 Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt. Insgesamt werden an den beruflichen Schulen Ham-burgs 56.435 Schülerinnen und Schüler beschult, davon im Rahmen der dua-len Berufsausbil-dung 35.182, die sich auf ca. 220 verschiedene Ausbil-dungsberufe verteilen.
Staatliche Ausbildungsmaßnahmen besuchen in Hamburg insgesamt 21.253 Schülerinnen und Schüler, an Berufsfachschulen 9.241 (in 12 Bildungsgängen), an Wirtschaftsgymnasien und Technischen Gymnasien insgesamt 2.448, in Maßnah-men der Berufsvorbereitung 5.448, an Fachoberschulen (11 und 12 jährig) 1.962 und an Fachschulen 2.154.
Die Schülerzahlenprognosen weisen für die beruflichen Schulen ein Anwachsen der Schülerzahlen bis 2008 auf 63.000 aus, bis 2020 wird dann ein Rückgang auf 58.000 erwartet.
Nicht erst durch die im Schulgesetz von 1997 verankerte Lernortkooperation und die Einführung des Lernfeldkonzeptes ist die Kooperation zwischen be-ruflichen Schulen, Betrieben, Innungen, Verbänden und Kammern in Hamburg in den Blickpunkt gerückt. Die beruflichen Schulen können zum gro-ßen Teil auf eine langjährige sehr enge erfolgreiche Zusammenarbeit mit den verschiedenen Ausbildungs-partnern zurückblicken.
Die ersten Schritte auf dem Weg zu Kompetenzzentren, die über den Teil der Erst-ausbildung hinausgehen, sind in Hamburg längst zurückgelegt. Die berufli-chen Schulen in Hamburg haben sich in der Vergangenheit als dynamisch, anpassungsfähig und innovativ erwiesen.
Berufliche Schule kooperieren
- mit Innungen bei der gemeinsame Nutzung vorhandener Ressourcen
- mit Trägern der beruflichen Weiterbildung zur Qualifizierung von Um-schülerin-nen und Umschülern
- mit nicht-staatlichen Partnern bei der Realisierung von Abschluss bezo-genen Nachqualifizierungsprojekten in unterschiedlichen Berufen (Hauswirtschaft, Altenpflege, Zweiradmechanik)
- in Projekten der beruflichen Qualifizierung, in dem Lehrer aus beruflichen Schu-len als Berater und Begleiter auftreten,
- bei der Personalqualifizierung bei der betriebsspezifische Weiterbildung regio-nalen Anbieter.
Reformbedarf Beruflicher Schulen
Die inhaltliche Diskussion um einen Reformbedarf der beruflichen Schulen wird von der Behörde für Bildung und Sport und der Handelkammer nicht geführt, sie spielt bei den Planungen zur Umgestaltung keine Rolle. Dabei liegt in der weiteren Entwick-lung der beruflichen Schulen in Kompetenzzentren oder Berufsbildungszentren der beruflichen Bildung eine gewaltige Aufgabe, die öffentlich diskutiert und bewertet werden muss.
Es fehlt eine Schwachstellenanalyse, die den tatsächlichen Reformbedarf auf-zeigt und als Entscheidungsgrundlage dienen kann. Der Reformbedarf wird weder für die Berufsschulen des dualen Systems noch für die staatlichen Angebote an den Beruflichen Schulen konkretisiert. Senat und Handelskammer gründen neue bürokratische Ebenen und verlagern die Entscheidungskompetenz und –macht aus der öffentlichen Verantwortung in die Hand der Handelskammer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger beinhaltet das Stiftungsmodell.
Der Staat ist für die Jugendlichen in der Verantwortung: keine Verlagerung der Beruflichen Schulen auf die Wirtschaft
Der Senat will nach wie vor die Fachoberschulen (zweijährig FOS) sowie ein-zelne Berufsfachschulen trotz heftiger Proteste abschaffen. Vor dem Hintergrund fehlender Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen ist dies falsch. Für viele ist der Weg über die FOS der einzige Weg, einen Ausbildungsplatz in dem gewünschten Beruf zu bekommen.
Einsparungen staatlicher Angebote verschärfen insbesondere die Situation für Jugendliche mit besonderen Problemen (behinderte Jugendliche und Jugendliche ohne Hauptschulabschluss etc.). Ein greifendes Konzept, das der massiv an-wachsenden Jugendarbeitslosigkeit entgegen wirkt, liefern Senat und Handelskammer bisher nicht. Auch gibt es keine Angaben, zu wie viel mehr Ausbildungsplätzen die vorgeschlagene Umstrukturierung führen wird.
Der Stadt Hamburg und dem Parlament werden mit der Umsetzung des Stiftungs-modells umfassende Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten entzogen, die Kosten für die Finanzierung des Personals an den beruflichen Schulen bleiben der öffentlichen Hand jedoch in vollem Umfang erhalten. Der Einfluss des Staates (und der Parla-mente) sowie der Gewerkschaften soll ganz offensichtig aus der beruflichen Bildung gedrängt werden. Bisher haben weder die berufli-chen Schulen, noch die Innungen oder die Gewerkschaften das angestrebte Stiftungsmodell begrüßt, die bekannt ge-wordenen Einzelheiten treffen auf Unverständnis und Ablehnung, der Senat hat die Möglichkeit nicht genutzt, den Sachverstand der Praktiker der beruflichen Bildung in seine Pläne mit einzubeziehen.
Die Pläne von Senat und Handelskammer finden keine Zustimmung: Weder bei den Schulen, noch bei der Eltern-, SchülerInnen- Lehrerkammer, noch bei den Gewerk-schaften oder der SPD- oder GAL-Fraktion oder bei Expertinnen und Experten.
Wir fordern daher:
– ein Moratorium. Die Entscheidung über eine Privatisierung und Auslage-rung aus dem staatlichen Bereich soll vertagt werden,
– eine Schwachstellenanalyse der dualen Ausbildung sowie der schuli-schen Voll-zeitangebote der beruflichen Bildung durchzuführen, die als Grundlage für die perspektivische Entwicklung der beruflichen Schulen in Hamburg dient,
– gemeinsam mit den beruflichen Schulen, den Innungen und Wirtschafts-verbän-den, den Gewerkschaften und anderen wichtigen gesellschaftlichen Experten Vorschläge zur Stärkung der Handlungskompetenz der beruflichen Schulen zu entwickeln,
– die Kooperation aller Beteiligten an der beruflichen Bildung zu verbessern, um die Fortentwicklung und laufende Arbeit der beruflichen Schu-len zu stärken,
– eine Zusage der Wirtschaft über zusätzliche Ausbildungsplätze, die auf der Grundlage einer Reform der Beruflichen Schulen in Hamburg geschaffen wer-den.

Nach oben
Suchbegriff eingeben
Datum eingrenzen
seit bis

Kontakt Pressestelle

Felix Hoffmann

Felix Hoffmann (Foto:Peter Bisping)

Pressearbeit

Felix Hoffmann

Tel: 040/60 77 66 112
Fax: 040/60 77 66 141
Mobil: 0175/72 22 415

Pressefoto Katja Karger

 

 

Katja Karger

Katja Karger (Foto: Peter Bisping)