Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 03.05.2006

Vier kolumbianische Blumenarbeiterinnen zu Gast in Hamburg

Arbeitnehmer/innen müssen international zusammen stehen!
Auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, des DGB Bildungswerks und der Menschenrechtsorganisation FIAN sind die vier kolumbianischen Blumenarbeiterinnen
Aidé Silva, Argenis Hernández, Helena Bustos und Gloria Romero von der Gewerkschaft „Untraflores“ in der Zeit vom 21. April bis 6. Mai in Deutschland, um über die Situation auf den Blumenplantagen und die Arbeit ihrer – gegen heftige Widerstände gegründete - Gewerkschaft zu berichten. Heute sind sie in Hamburg.
„Unsere Mitglieder werden schikaniert und entlassen“, berichtet Aidé Silva von der Blumenarbeitergewerkschaft Untraflores in Kolumbien. Ihr und anderen Frauen ist es vor vier Jahren gelungen, eine Gewerkschaft zu gründen. Regelmäßig gehen die Gewerkschafterinnen von Haus zu Haus, um ihre Zeitungen an die Arbeiterinnen zu verteilen. „So informieren wir die Frauen über ihre Rechte, denn auf den Plantagen darf die Gewerkschaft sich nicht sehen lassen“, berichtet Aidé Silva. Für sie ist es wichtig, dass die Arbeitsbedingungen auf den Blumenplantagen im Ausland bekannt werden. „Deutschland importiert sehr viele Blumen aus Kolumbien. Die Verbraucher sollten die deutschen Blumenimporteure auffordern, von ihren Lieferanten vernünftige Arbeitsbedingungen und freie Gewerkschaftsarbeit auf den Plantagen zu verlangen.“
Jürgen Stahn, Mitglied der Menschenrechtsorganisation FIAN, Gruppe Hamburg:
„Schnittblumen sind für viele ein gutes Geschäft, nicht jedoch für die ArbeiterInnen. Ihr Verkaufswert beläuft sich in Deutschland auf knapp 3 Mrd. Euro. Von einem – angenommenen – Verkaufspreis von einem Euro für eine Blume verbleibt etwa ein Cent bei der ArbeiterIn.
An den Ungerechtigkeiten kann etwas geändert werden. Die Blumenkampagne, Anfang der 90er Jahre von fian Deutschland e.V. (FoodFirst-Informations- und Aktions-Netzwerk), Brot für die Welt und terre des hommes begonnen, hat einiges erreicht. Neben Informationen über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen und Männer wurde mit dem Flower Label Programm ein internationaler Verhaltenskodex eingeführt, durch dessen Anerkennung sich ein Unternehmen der Schnittblumenindustrie verpflichtet, Gewerkschaften in seinem Betrieb anzuerkennen, Schutzmassnahmen insbesondere für schwangere Frauen zu ergreifen, einen menschenwürdigen Lohn zu bezahlen, Maßnahmen zum Schutz von Umwelt, Wasser und Luft zu treffen und anderes mehr. KäuferInnen von Schnittblumen können sich heute über die Situation in der Schnittblumenindustrie weltweit über Broschüren, Zeitungsartikel, Faltblätter und websites (www.fian.de) informieren.
Erhard Pumm, Vorsitzender des DGB Hamburg:
„Gewerkschaften müssen internationaler werden und zusammen stehen. ArbeiterInnen und Verbraucher dürfen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Die ArbeitnehmerInnen und ihre Organisationen müssen weltweite Kontakte pflegen und zusammenarbeiten.
Keine Menschenrechtsverletzungen! Keine Produktion zu Bettlerkonditionen! Die Verbraucher fordern wir auf, beim Blumenkauf genau hinzusehen, woher die ,Königin der Blumen’ kommt, die sie erstehen. Wir unterstützen die Einführung eines europaweit einheitlich gültigen Labels.“
Die Arbeitsbedingungen sind allerdings auch in vielen deutschen Betrieben keineswegs rosig. Die gewerkschaftliche Organisation ist gering, die Löhne bescheiden. Mit Agrochemikalien wird oft sehr sorglos umgegangen. Allein in Deutschland sind etwa 900 Pflanzenschutzmittel zugelassen.“

Hintergrund:
Längst vorbei die Zeit, in denen regionale Rosenanbauer aus Vierlanden bei Hamburg oder aus den Niederlanden den Markt beherrschten. Aus Deutschland stammt nicht einmal ein Drittel der Pracht. Nach Stückzahl und Hektar haben Kenia und Kolumbien die Holländer längst überholt.
Niemand gibt für Rosen mehr aus als die Bundesbürger. 2004 zahlten die Deutschen rund drei Milliarden Euro für Schnittblumen, ein Drittel davon waren Rosen. Bevor sie bei uns in der Blumenvase landen, haben die meisten bereits einen langen Weg hinter sich. Denn aus Deutschland stammt nicht mal mehr ein Drittel dieser Pracht. Rosen aus den südlichen Erdteilen steigen von der Grenze des Importlandes bis zum Verkauf im Blumenladen um das Siebenfache in ihrem Wert.
Ideale klimatische Bedingungen und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse haben einen Boom in der Blumenindustrie entfacht. In Kolumbien sind die Rosen über alle Verbrechen von Guerillas und Paramilitärs hinweg zu einem Geschäft gediehen, das noch besser blüht als der Kokainschmuggel. 90.000 Menschen, die große Mehrheit Frauen, schuften in den kolumbianischen Blumenplantagen für Niedrigstlöhne. Ständiges Bücken, Einsatz von Giften und Arbeitshetze bedrohen die Gesundheit der Arbeiterinnen. Gewerkschaften werden systematisch bekämpft.
Kolumbien ist auf Grund seit Jahrzehnten andauernder bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Militär, Guerilla, paramilitärischen Einheiten und Drogenmafia ein Land mit hoher Repression, zahllosen Morden und Entführungen. Gewerkschaften gibt es nur wenige, vorwiegend auf betrieblicher Ebene. Ihre Mitglieder leben unter ständiger Bedrohung. Tausende wurden bereits von Paramilitärs umgebracht. Die Arbeitsbedingungen in der Blumenindustrie sind in Kolumbien, wie in nahezu allen Ländern des Südens, miserabel. Die Löhne für die ArbeiterInnen liegen in der Nähe des staatlich festgelegten Mindestlohnes von umgerechnet knapp 160 US$ pro Monat. Davon kann keine Familie leben. Die von manchen Unternehmen gezahlten zusätzlichen Leistungen für Transport, Verpflegung und Kinderkrippe sind äußerst gering und auch selten.
In der Schnittblumenindustrie arbeiten vorwiegend Frauen, da ihnen, auch wenn sie eine gute Grundausbildung haben, keine anderen Arbeitsplätze offen stehen. In den Gewächshäusern, große mit Plastikplanen bedeckte Hallen, werden viele Agrochemikalien ausgebracht, um möglichst makellose Blumen zu erhalten. Die ArbeiterInnen müssen vielfach in den giftigen Wolken Blumen ernten, die besprühten Pflanzen sortieren und verpacken. Vergiftungen und Fehlgeburten sind häufig.


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