Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 25.04.2005

Auftakt zum 1. Mai 2005: DGB-Aktion Jobangeln auf dem Gänsemarkt

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Mit der Aktion „Ich angle mir einen Job“ machte der DGB Hamburg heute auf dem Gänsemarkt anschaulich deutlich, wie zufällig es in Zeiten von über 5 Mio. registrierten Arbeitslosen geworden ist, ob und welchen Arbeitsplatz Arbeitnehmer ergattern. Aus einem riesigen Bassin (Durchmesser 4 m) konnten sich Passanten „gute“ und „schlechte“ Jobs angeln - mit Stundenlöhnen von z.T. 5,10 Euro.
Damit prangerte der DGB auch Lohndumping durch Niedriglöhne, Minijobs, Ein-Euro-Jobs und maßloses Gewinnstreben vieler Firmen an und erinnerte die Unternehmen an ihre Verantwortung gegenüber den Beschäftigten.
Ulrich Dreßler von der Beschäftigungsgesellschaft Passage GMBH berichtete über den Einsatz von Ein-Euro-Kräften, eine ALG II-Empfängerin von ihrem Leben als Ein-Euro-Jobberin und der Gewerkschafter Andy Banks aus den USA gab Beispiele von prekären Arbeitsverhältnissen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“.
Mit dieser Aktion macht der DGB Hamburg auch auf die Veranstaltungsreihe aufmerksam, die in dieser Woche unter dem Titel „Überleben in der Stadt der Millionäre“ mit internationalen Gästen stattfindet und an jedem Abend bis zum
1. Mai ein breites Programm mit Filmen, Workshops und Diskussionen bietet. Themen sind dabei Arbeitsbedingungen am Rande der regulierten Gesellschaft, die Frage, wie Organisierungsprozesse in prekären Verhältnissen in den USA und Deutschland aussehen können und die Suche nach gewerkschaftlichen Strategien im neoliberalen Europa.
Erhard Pumm, Vorsitzender des DGB Hamburg: „In wenigen Tagen feiern die Arbeitnehmer den 1. Mai, den Tag der Arbeit. An diesem Tag erinnern sie sich auch an die frühen Kämpfe um Arbeiterrechte. Sich daran zu erinnern, wie mühsam es war, etwa Urlaubstage, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die 40-, später 35-Stundenwoche durchzusetzen, scheint gerade in diesen Jahren wieder dringend geboten. In Zeiten, in denen viele Unternehmen den Weg zurück ins 19. Jahrhundert planen, ihre Verantwortung für das Gemeinwohl und die Beschäftigten vergessen zu haben scheinen. In Zeiten, in denen Lohndumping, Arbeitszeitverlängerung und -verdichtung, Angriffe auf die Tarifautonomie, Abbau des Kündigungsschutzes und kurzsichtige und -fristige Gewinnmaximierung an der Tagesordnung sind. Wo die Beschäftigten nur als betriebswirtschaftliche Last betrachtet werden und aus den Augen verloren wird, dass sie es sind, die die fetten Gewinne des letzten Jahres erarbeitet haben. Deshalb heißt unser Motto zum 1. Mai in diesem Jahr: Du bist Mehr. Mehr als eine Nummer. Mehr als ein Kostenfaktor. Du hast Würde. Zeig sie!“
Zu einem würdevollen Leben gehöre Erwerbstätigkeit, die ein Einkommen biete, mit denen Arbeitnehmer und ihre Familie ihr Auskommen haben. Eine Arbeit, die noch genug Zeit und Kraft lasse, sich Familie, Freunden, Hobbys oder auch einem Ehrenamt zu widmen, so Hamburgs DGB-Vorsitzender.
„Jobsuche gleicht heute einem Fischen im Trüben“, so Erhard Pumm, „angesichts der 93 381 registrierten Arbeitslosen und gerade mal 12 490 gemeldete freie Stellen ist es zynisch, von den Arbeitslosen mehr ,Eigenverantwortung‘ einzufordern. Sie müssen nehmen, was sie bekommen, und die Bedingungen werden ihnen dabei meist einseitig diktiert.“
Hartz IV verschärfe noch den Druck auf die regulär Beschäftigten, die Löhne und Arbeitsbedingungen. Mit dem Hinweis auf die Ein –Euro-Jobber verlange man auch von den „normal“ Beschäftigten immer weitere Zugeständnisse – die Arbeitslosigkeit könnte sonst auch sie treffen. Und so werde erpresst, reguläre Stellen werden verdrängt und die in Jahrzehnten abgerungenen Arbeitnehmerrechte auf ein Minimum gestutzt.
Hartz IV sei eine Bedrohung für alle Arbeitnehmer und keineswegs das Schicksal einiger weniger, betont Hamburgs DGB-Vorsitzender. Fast jeder kenne inzwischen jemanden, der von Arbeitslosigkeit, gar Langzeitarbeitslosigkeit betroffen ist.
Die aktuellen Zahlen für Hamburg: In Hamburg leben 127 842 ALG II-Empfänger, das entspricht einer ALG II-Quote von 10,7 Prozent – bezogen auf die rund 1,2 Mio. 15- bis 64 jährigen in der Stadt.
Daneben gibt es noch 46 295 Sozialgeld-Empfänger (das sind ehemalige Sozialhilfeempfänger, die als nicht erwerbsfähig eingestuft wurden). Insgesamt leben in Hamburg 100 506 Bedarfsgemeinschaften mit 174 137 Personen. Und eine Bedarfsgemeinschaft (in der durchschnittlich 1,7 Personen wohnen), erhält in Hamburg im Mittel - Abweichungen nach oben und unten können groß sein - 349 Euro ALG II, hinzu kommen durchschnittlich 328 Euro für die Unterkunft und 209 Euro für Sozialversicherungsbeiträge.
Pumm: „Es gibt immer mehr dequalifizierte, demotivierte, am oder unter dem Existenzminimum darbende Menschen, die sich selbst immer weniger zutrauen, und sich schon gar nicht ,erlauben’, Widerstand zu leisten gegen schlechte Arbeitsbedingungen.“
Doch welche Lösungen gibt es, dieses Dilemma zu durchbrechen?
Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Erwarten uns hier in Kürze amerikanische Verhältnisse? Die Welt rückt zusammen, die Gewerkschaften tun es auch.
Pumm: „Deshalb müssen und wollen wir uns weltweit über den Kampf um Arbeitnehmerrechte austauschen, gemeinsam Strategien suchen, um dem ,Heuschrecken-Kapitalismus‘ etwas entgegen zu setzen, gemeinsam überlegen, wie Arbeitnehmer für eine Gegenwehr zu mobilisieren sind.“
Das ist u.a. Thema der Organizing –Woche, die heute hier in Hamburg in der Vorwoche zum 1. Mai unter dem Titel „Überleben in der Stadt der Millionäre“ begonnen hat. Der DGB Hamburg lädt alle Interessierten ein, an den Veranstaltungen unter teilzunehmen, die in dieser Woche bis zum 1. Mai an jedem Abend Kulturelles und Diskussion miteinander verbinden. Ausführliches Programm siehe Anhang.

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Aus einem 4 m-Durchmesser-Bassin konnten sich Passanten "Jobs angeln". Die Jobs, bei unserer Aktion symbolisiert durch Kartons mit den Angaben zum Stundenlohn und den Arbeitszeiten, sind immer häufiger im "Niedriglohnsektor" angesiedelt. Auch dort, wo es Tarifverträge gibt, ist die Entlohnung oft kärglich: So beträgt der Einstiegstarif einer Friseurin in Hamburg 5,10 Euro pro Stunde. "Ein-Euro-Jobber haben gar keinen Arbeitsvertrag", beklagte auf der DGB-Pressekonferenz die ALG II-Empfängerin und Ein-Euro-Jobberin Gabi Brasch, "diese Hartz IV-Opfer kommen nicht in den Genuss von Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, müssen sogar die Fahrtkosten zur Arbeitsstätte selbst tragen."
Foto "Jobangeln Gänsemarkt":
Einen Job zu ergattern gleicht heute einem Fischen im Trüben. Die ständig eingeforderte Eigenverantwortung der Arbeitslosen hört da auf, wo es schlicht keine Arbeit gibt. In Hamburg gab es im März nur 12 490 gemeldete Stellen, aber:
93 381 registrierte Arbeitslose, 127 842 ALG II-Empfänger, 46 295 Sozialgeld-Empfänger (ehemalige Sozialhilfeempfänger, die als nicht erwerbsfähig eingestuft wurden).

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