Deutscher Gewerkschaftsbund

PM - 28.03.2006

Zeitarbeit nimmt im Norden überdurchschnittlich zu


Zeitarbeit spaltet Belegschaften
Mit Sorge betrachtet der DGB Hamburg aktuellen Zahlen über die massive Zunahme von Zeitarbeit. Im Norden (HH, SH, MV) stieg die Zahl der Zeitarbeitnehmer um 18, 48 Prozent auf 19 665 Beschäftigte innerhalb eines Jahres und damit im Bundesvergleich (14,3 Prozent) überdurchschnittlich*.
In Branchen mit großen Auftragsschwankungen (vor allem Dienstleistungsbereiche wie Pflege, Callcenter, aber auch im technischen Bereich) greifen Firmen verstärkt auf (zunehmend höher qualifizierte) Zeitarbeitnehmer zurück, die für befristete Zeit Produktions/Auftragsspitzen abarbeiten.
Erhard Pumm, Vorsitzender des DGB Hamburg: „Ein Ziel gewerkschaftlicher Arbeit ist es, Kernbelegschaften mit regulär Beschäftigten auszubauen oder wenigstens zu erhalten. Doch sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gehen zurück, Minijobs, Befristungen und Zeitarbeit nehmen deutlich zu. Wie ein Damoklesschwert schwebt die Angst über der Kernbelegschaft, dass weitere feste Arbeitplätze zu Gunsten von Leihkräften abgebaut werden oder sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern. Gleichzeitig versuchen die Zeitarbeitnehmer verständlicherweise alles, um eine besser bezahlte feste Stelle zu ergattern. Auch diese Form der prekären Beschäftigung bedroht tarifvertragliche Normen. Wo es nicht gelingt, Unternehmen zum Aufbau regulärer Beschäftigung zu bewegen, kämpfen Betriebsräte darum, die ,Randbelegschaften’ in den Betriebsalltag zu integrieren.“
Eine Untersuchung des Soziologen Prof. Klaus Dörre von der Universität Jena ergab, dass Zeitarbeitnehmer und befristet Beschäftigte als „ständige Mahnung“ wirkten: Festangestellte, die Zeitarbeitnehmer zunächst als wünschenswerten Flexibilisierungspuffer betrachten, beschleiche ein diffuses Gefühl der Ersetzbarkeit. Bereits die bloße Präsenz weniger Zeitarbeitnehmer wirke disziplinierend auf große Belegschaften. Kernbelegschaften hätten ständig diejenigen vor Augen, die alles tun würden, um ihrer Unsicherheit zu entkommen. Qualitative Ansprüche an die Arbeit – etwa nach mehr Arbeitsschutz oder vielfältigerer Arbeit statt Monotonie könnten sich so kaum noch Geltung verschaffen.
Wenn auch einige vormals Arbeitslose über den Weg der Zeitarbeit einen (Wieder)einstieg in den Ersten Arbeitsmarkt finden: Die Zeitarbeitnehmer empfinden ihre Situation als unsicher – sie kämpfen mit mangelnder Anerkennung, Statusunsicherheit und deutlich geringeren Löhnen. Im Durchschnitt verdienen sie mit 11 Euro Bruttostundenlohn rund 28 Prozent weniger als die fest im Betrieb angestellten „Kollegen“ – häufig für die gleichen Tätigkeiten.
Die Entlohnung von Leiharbeitnehmern und fest Angestellten eines Betriebs müsse angeglichen werden, wie es mit dem Grundsatz des „equal pay“ im Gesetz vorgesehen sei, so Hamburgs DGB-Vorsitzender.
Ein Beispiel, wie dieser Anspruch mit Hilfe der Gewerkschaften durchgesetzt werden konnte, gibt es in Hamburg bei dem Unternehmen AIRBUS. Der von der IG Metall mit dem Flugzeugbauer ausgehandelte Haustarif „Sicherheit durch Flexibilität“ ermöglicht es dem Unternehmen durch den Einsatz von etwa 2000 Leiharbeitnehmern das Arbeitsvolumen variabler zu gestalten - dafür verdienen sie nach drei Monaten das Gleiche wie Airbus-Mitarbeiter. Und das Unternehmen gab eine Zusage zur Beschäftigungssicherung bis 2012.
*Zum Stichtag 30.6. 2005 (aktuellste Zahl) gab es im Bereich der Regionaldirektion Nord (HH, MV, SH) durchschnittlich rund 19 665 Beschäftigte in Unternehmen, die ausschließlich oder überwiegend Zeitarbeit betreiben, das entspricht einem Zuwachs um 18,48 Prozent verglichen mit dem Vorjahr (16 598 Beschäftigte). Damit liegt der Norden sogar über der bundesweiten Zuwachsrate von 14,3 Prozent (Anstieg von 300 050 auf 343 053 Zeitarbeitnehmer)
Auch die Anzahl der Verleihbetriebe, deren Betriebszweck ausschließlich oder überwiegend Arbeitnehmerüberlassung ist, hat im Norden zugenommen: Von 393 (Stichtag 30.06.2004) auf 443 (Stichtag 30.06.2005)
Quelle: Bundesagentur f. Arbeit


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