Deutscher Gewerkschaftsbund

11.08.2015
Fachtagung am 19. Oktober wirft spannende Fragen auf

Rückblick auf die Veranstaltung "Arbeitszeit ist Lebenszeit"

Fachtagung

Arbeitszeit ist Lebenszeit KDA Hamburg


Die einst standardisierte Arbeitszeit und festgelegten Arbeitsorte schwinden zunehmend dahin. Die Länge der Arbeitszeit und ihre Lage werden immer flexibler gehandhabt, die Intensität der Arbeit steigt. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können Termindruck und Arbeitsverdichtung dazu führen, dass »die Akkus schneller leer sind« und eigentlich die notwendigen Erholungszeiten steigen müssten; allein es fehlen Zeit und Muße. Gleichzeitig müssen die Beschäftigten zukünftig bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Wie sollen sie das durchstehen?

Die Vereinbarkeit von Arbeitsalltag und Lebensumständen, von Beruf und Familie ist trotz aller Ankündigungen und Bestrebungen nicht wirklich einfacher geworden; die sog. Sandwich-Generation hat ggf. Kinder in der Ausbildung und Eltern in der Pflege. Wo bleibt da die Zeit zum Durchatmen, die Muße für Hobbies und Erholung? Wie können Arbeitszeiten brauchbar gestaltet werden, welche Gesetze, Tarifverträge und Vereinbarungen setzen dafür den Gestaltungsrahmen und unterstützen diese Anliegen? Was können Betriebs- und Personalräte, Betriebsärzte oder Personalverantwortliche tun, um der zeitlichen und qualitativen Belastung ihrer Mitarbeitenden und KollegInnen entgegenzuwirken? Diesen Fragen wollten die Teilnehmer/innen einer Fachtagung nachgehen. Wir dokumentieren einen Teil der Vorträge an dieser Stelle.

Weiter unten gibt es die Präsentationen von Sylvia Skrabs (Tarifpolitische Grundsatzabteilung, ver.di Bundesverwaltungund) und Ursula Höfer (Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, Amt für Arbeitsschutz) zum Download.

 

Petra Heese vom DGB Hamburg bei der Moderation

Petra Heese, DGB Hamburg Heike Riemann/KDA

Grußwort zur Tagung „Arbeitszeit ist Lebenszeit“

von Petra Heese (DGB Hamburg)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Referentinnen und Referenten des heutigen Tages,
liebes Kooperationsteam,

herzlich willkommen zu unserer Fachtagung. Ich freue mich auf den Austausch mit euch und die spannenden Vorträge.

Das Thema Arbeitszeit hat viele Facetten, von denen wir heute nur einen Ausschnitt streifen werden. Aber sie ist zentral für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Wir werden in dieser Tagung die Aspekte beleuchten, welche Regelungen es gibt und wie sie einzuhalten sind. Wir richten nicht die Frage auf das Thema Arbeitszeitverkürzung, auch wenn es manchem von uns auf der Seele liegt. Hier geht es zunächst um die Frage, was wir im Rahmen des Arbeitsschutzes regeln und kontrollieren können, was in diesem Sinne gesund ist – sein könnte.

Vor ein paar Wochen hatte ich Probleme mit meiner Telefonanlage zuhause. Der Router wollte nicht mehr. Es gesellten sich noch ein paar Probleme mit dem Vertrag hinzu. Also griff ich zu meinem Vertrag mit dem Anbieter und stellte erfreut fest. Da kann ich ja rund um die Uhr anrufen. Sogar am Wochenende ist immer jemand erreichbar. Es wurden mehrere Telefonate, schnell mal eins am Sonntag. Eins davon am Freitagabend um 21.30 Uhr. Ich saß inzwischen gemütlich auf dem Sofa mit einem Glas Wein und verabredete die komplizierten Einzelheiten meines zukünftigen Vertrages.

Nachdem ich aufgelegt hatte, kam ich ernstlich ins Grübeln, was es wohl für die KollegInnen im Callcenter bedeutet, um diese Zeit und evtl. auch am Wochenende zu arbeiten. Vor allem aber blieb die ernste Frage: Muss das wirklich sein??? Hätte ich das nicht auch zu Arbeitnehmer freundlicheren Zeiten erledigen können? Natürlich!!! Ein Bundesverwaltungsgerichtsurteil aus 2014 sieht das wohl auch so. Es erklärte eine Verordnung des Landes Hessen für rechtswidrig, mit der Sonntagsarbeit in Callcentern generell erlaubt worden war. Im November 2015 werden nun auch voraussichtlich die Bundesländer eine Entscheidung für eine neue Regelung fällen, die zumindest die Sonntagsarbeit in Callcentern untersagen wird, denn die noch bestehenden Regelungen dürften nur dann durchsetzbar sein, wenn ein „besonders hervor-tretendes Bedürfnis der Bevölkerung zu befriedigen“ ist, so das Urteil.

Deutscher Industrie- und Handelskammertag wollte den Acht-Stunden Tag abschaffen

Mitte dieses Jahres hatten einige Arbeitgeber dann mal wieder einen spontanen Einfall: Der Deutschen Industrie- und Handelskammertages forderte, die Arbeitszeit noch stärker zu flexibilisieren. Eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes wurde gefordert, weil die starren Regulierungen angeblich nicht mehr zeitgemäß sind. Sie wollten den Acht-Stunden Tag abschaffen und nur noch die Wochenarbeitszeit begrenzen. Als Begründung musste u. a. die bevorstehende Digitalisierung herhalten.

Mir fehlen manchmal die Worte bei den immer wieder neuen Einfällen einiger Arbeitgeberorganisationen. Statt Schutzregeln aufzuweichen, sollten liebe die vorhandenen Gestaltungsspielräume genutzt werden. Zahlreiche tarifliche Regelungen lassen Möglichkeiten für eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit zu. Überhaupt ist Flexibilität keine Einbahnstraße: Auch Arbeitnehmer haben Bedürfnisse und Erfordernisse, denen sie sie stellen müssen und wollen, ob nun Kinder, zu pflegende Angehörige oder ehrenamtliches Engagement. Und schließlich: Arbeitgeber werden von langen Arbeitstagen ihrer Mitarbeiter wenig haben, denn wie die Forschung schon vor 100 Jahren gezeigt hat, sinkt die Produktivi-tät nach zehn Stunden erheblich. Bedenkt man heutige Anforderungen und Arbeits-verdichtung sind auch 8 Stunden schon zu viel.

Wie können wir noch bis ins hohe Rentenalter gesund und leistungsstark bleiben?

Seit Januar 2012 ist es beschlossene Sache: Wir haben die sogenannte Rente bis 67. Die Gewerkschaften haben protestiert, gemahnt und deutlich gesagt, was sie davon halten. Wir wissen alle, es geht nur um die Finanzierung der Renten. Es sei eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Damit wurde sie beschlossen. Fakt ist also: Wir müssen länger arbeiten. Laut „Index Gute Arbeit des DGB“ sagen auf die Frage “Meinen Sie, dass sie unter den derzeitigen Anforderungen Ihre jetzige Tätigkeit bis zum gesetzlichen Rentenalter ohne Einschränkungen ausüben könnten?“ 45 Prozent der Befragten, das sie unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen wahrscheinlich nicht durchhalten bis zur Rente.

Damit stellt sich die Frage: Aber wie können wir noch bis ins hohe Rentenalter gesund und leistungsstark bleiben? Wie können körperliche und psychische Belastungen so eingedämmt werden, dass das auch möglich ist? Welche Weiterbildungsmöglichkeiten sind nötig und wie müssen sie organisiert werden? Die Arbeitgeber sind gefordert – natürlich unter Beteiligung und Mitwirkung der Arbeitnehmer. Der sich abzeichnende Mangel an Facharbeiter bringt auch die Unternehmen hier und da zum Umdenken – längst nicht ausreichend, aber es kommt in Bewegung, z. B. das Projekt „Neue Wege bis 67“ der Handelskammer.
 
Und natürlich sind auch wir gefordert, bessere Arbeitsbedingungen mit zu gestalten – ein hartes Brot. Aber ich freue mich darauf, dass wir heute einen kleinen Beitrag dazu leisten können und wünsche uns viel Erfolg und Anregungen für uns alle.


Gudrun Nolte-Wacker (KDA)

Gudrun Nolte-Wacker (KDA) KDA

Grußwort  zur Fachtagung „Arbeitszeit ist Lebenszeit – Gesund alt werden“

von Gudrun Nolte-Wacker (KDA)

Sehr geehrte Damen und Herren,
die Betriebsrätefachtagung hat Tradition zwischen DGB, UK Nord Unfallkasse Nord, der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, Sujet Organisationsberatung und der Beratungsstelle Arbeit und Gesundheit – ich hoffe ich habe niemanden vergessen- ich begrüße Sie alle sehr herzlich.

An unserem Arbeitsplatz verbringen wir die meiste Zeit unseres Lebens, mehr als mit unserem Partner oder in der Familie, mehr als im Bett. Wer zwischen „Arbeit“ hier und „Freizeit“ dort oder zwischen „Work“ und „Life“ trennt, der fördert die ohnehin schon weit verbreitete Einstellung, am Arbeitsplatz sei der Mensch unfrei und das eigentliche Leben spiele sich nun mal in der arbeitsfreien Zeit ab. Das wären dann laut einer Freizeitstudie im Schnitt drei Stunden und 49 Minuten Leben pro Tag. So war es zu lesen im Focus von 2013 mit der Überschrift:  das Leben findet während der Arbeitszeit statt!

2018: Der 8-Stunden-Tag feiert sein hundertjähriges Jubiläum

Es ist immer wieder die alte Frage: Arbeiten wir um zu leben oder leben wir um zu arbeiten? Wir reden heute von Vertrauensarbeitszeit, Arbeitszeitkonten für ein ganzes Jahr und Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Sorgearbeit soll gelingen und wir dürfen bis 67 arbeiten. Wie bleiben wir da gesund? Es reicht schon lange nicht mehr, die tägliche oder die wöchentliche Arbeitszeit zu gestalten. Wir müssen vielmehr die Arbeitszeit über den gesamten Verlauf einer Erwerbsbiografie im Blick haben. Eine Gestaltung der Lebensarbeitszeit, die die unterschiedlichen Bedürfnisse im Laufe eines Arbeitslebens berücksichtigt, ist die Voraussetzung für gute Arbeit in der Zukunft. Dafür müssen die veränderten Ansprüche der Beschäftigten an Arbeitszeitsouveränität in den Mittelpunkt rücken – flexible Arbeitszeiten dürfen sich nicht nur an den betriebswirtschaftlichen Anforderungen in den Unternehmen auszurichten.

Eigentlich haben wir einen  8-Stunden Tag der übrigens  2018 sein hundertjähriges Jubiläum  feiert, und damit hätten wir ja eigentlich genügend Zeit für Regeneration, Freunde und  Familie, Muße  und persönliche Entwicklung; aber, ist dem so? In Deutschland ist der Achtstundentag seit 1918 gesetzlich vorgeschrieben. 1956 begann der DGB eine Kampagne zur Einführung der 5-Tage-Woche bzw. 40-Stunden-Woche unter dem Motto „Samstags gehört Vati mir“; diese setzte sich ab 1965 in Westdeutschland durch.

Aber heute haben BerufsanfängerInnen  andere Anforderungen an ihre Arbeitszeit als etwa junge Eltern. In der Familiengründungsphase wollen sie vielleicht weniger arbeiten, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Beruf und Leben besser zu realisieren. Danach wünschen sich viele Phasen mit längeren Arbeitszeiten. Gegen Ende ihres Erwerbslebens wollen vielleicht einige Menschen möglicherweise kürzere Arbeitszeiten, um länger im Beruf bleiben zu können. Mehr Zeit für Weiterbildung brauchen alle Beschäftigten.

"Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von Arbeit"

Zu einem neuen Verständnis einer an verschiedenen Lebensphasen orientierten Arbeitszeitpolitik gehören auch flexiblere Übergänge in die Rente. Wer nicht mehr kann, muss aus dem Arbeitsleben ausscheiden dürfen und sich darauf verlassen können, dass sie oder er eine existenzsichernde Rente erhält. Oder auch in Teilzeit arbeiten und Teilrente beziehen, ohne dass damit die Altersrente zu sehr gemindert wird. Und wer will, soll länger arbeiten können – freiwillig, und nicht, weil ihr oder ihm sonst Altersarmut droht.

Um die Gestaltung der Arbeitszeit und die Mitbestimmung der Arbeitnehmenden in diesem Prozess soll es heute gehen, damit wir gesund und mit Lebensfreude in die Rente gehen.
Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von Arbeit, die die Entwicklungen um Arbeitszeit, Arbeiten und Mensch sein! Sie muss auch Arbeit und Tätigkeiten außerhalb des Berufs mit einbeziehen. Für gesellschaftliches Engagement, für Familie und Freunde, für gutes Leben muss während der gesamten Erwerbsbiografie Zeit sein, und nicht erst nach Eintritt ins  Rentnerdasein.

Ich wünsche allen einen erquicklichen und inspirierenden Tag.

 

Mehr Materialien

Hier gibt es die Präsentation "Arbeitszeit – Gesundheit – Tarifpolitik" von Sylvia Skrabs, Tarifpolitische Grundsatzabteilung, ver.di Bundesverwaltung, und die Präsentation "Arbeitszeit im Wandel. Wieviel Arbeit darf sein?" von Ursula Höfer, Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, Amt für Arbeitsschutz, zum Download.

 

Die Einladungskarte zur Veranstaltung zum Download:


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